Neuer Medizinchef : Überraschender Vorstandswechsel bei Siemens

Nach nur sieben Monaten hat Siemens schon wieder einen neuen Chef für den Sektor Medizin, auf den der Konzern große Hoffnungen setzt.

Corinna Visser

Berlin - Nach nur sieben Monaten hat Siemens schon wieder einen neuen Chef für den Sektor Medizin. Hermann Requardt, bisher Technologie-Vorstand im Konzern, übernimmt diese Aufgabe zusätzlich. Der bisherige Leiter des Medizinsektors, Jim Reid-Anderson, geht auf eigenen Wunsch. Reid-Anderson war zuvor acht Jahre lang Chef des US-Medizintechnikunternehmens Dade Behring, das Siemens 2007 übernommen hatte. Sein familiärer Lebensmittelpunkt in den USA und sein Dienstsitz in Erlangen seien auf Dauer nicht miteinander vereinbar gewesen, ließ Reid-Anderson den Aufsichtsrat wissen. Nun geht der Amerikaner wieder nach Chicago.

Requardt wiederum, der seit 1984 bei Siemens arbeitet, kehrt zurück in seinen alten Wirkungsbereich. Viele Jahre war er Mitglied im Bereichsvorstand der Medizintechnik. Zusammen mit dem früheren langjährigen Bereichschef, Erich Reinhardt, hatte Requardt die Sparte vom Restrukturierungsfall zu einem der erfolgreichsten Unternehmen der Branche gemacht. Zwar ist die Medizin mit einem Umsatz von 11,2 Milliarden Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr nach Industrie (38,1 Milliarden) und Energie (22,6 Milliarden) immer noch der kleinste der drei Siemens-Sektoren. Doch der Konzern setzt große Hoffnungen in ihn. In den vergangenen Jahren wurden viele Milliarden investiert. In keinem anderen Siemens-Bereich sind die Innovationszyklen kürzer als hier. Und Requardt soll Forschung und Entwicklung weiter vorantreiben.

1979 absolvierte er sein Examen in Physik und Philosophie. Seinen Doktor in Biophysik erwarb Requardt 1984 an der Uni Frankfurt am Main. Der 53-Jährige sei ein Denker und schätze intellektuelle Herausforderungen, sagen Mitarbeiter. Er sei ein ruhiger ausgeglichener Typ. Doch privat mag es der verheiratete Vater zweier Kinder aufregend: Er fährt Motorrad und Wildwasserkanu. Zudem liebt er den Jazz. Auf die Frage, welche Erfindung er selbst gern gemacht hätte, antwortet er: den Synthesizer.

Mit seiner Ernennung schrumpft der Siemens-Vorstand wieder auf acht Mitglieder. Zusammen verdiente der Vorstand im abgelaufenen Geschäftsjahr 36 Millionen Euro, wie der Konzern am Freitag mitteilte. 8,5 Millionen erhielt Siemens-Chef Peter Löscher. Zusätzlich bekam er 1,3 Millionen Euro als Vergütung für seine Umsiedlung aus den USA nach Deutschland. Noch eine weitere Entscheidung gab Siemens bekannt: Man will die Zusammenarbeit mit dem langjährigen Wirtschaftsprüfer KPMG beenden. Künftig soll nach dem Willen des Aufsichtsrats Ernst & Young die Bilanzen prüfen. Auch KPMG war im Zuge der Siemens-Korruptionsaffäre in die Kritik geraten. Der Wechsel soll ein Signal für einen Neuanfang sein. Corinna Visser

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