Neuer Riesen-Airbus : Der dickste Kranich kommt an

Lufthansa stellt den ersten Riesen-Airbus A 380 in Dienst. Künftig können jeweils acht Passagiere das Fliegen ganz neu erleben.

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Abgehoben. Foto: ddp
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Von einem Sitz kann man da eigentlich nicht mehr sprechen: Er ist 80 Zentimeter breit und – nachdem man ihn per Knopfdruck ausgeklappt hat – 2,07 Meter lang. Dann ruht der Fluggast auf einer ergonomisch geformten Matratze, die vom Schlafmedizinischen Zentrum der Berliner Charité entwickelt worden ist – genau wie die beiliegende Schlafmaske. Wer mag, schlüpft vorher in einen Pyjama des Hemdenfabrikanten Van Laack und macht sich frisch. Die Fläschchen und Tuben dazu liegen in einem Kosmetiktäschchen im Porsche-Design bereit und enthalten Pflegeprodukte des Herstellers La Mer. Man hat abschließbare Fächer in Griffnähe, Fernsehen natürlich, und und und.

Trennwände lassen sich hochfahren, Spezialvorhänge und ein dichter Teppich schlucken den Schall, der von der angrenzenden Bordküche eindringen könnte. Auch wabert kein Dunst von Speisen hinüber, ein eigenes Klimasystem sorgt für angenehmstes Raumklima – das alles aber leider nur für acht von insgesamt 526 Gästen an Bord des ersten Airbus A380, den die Lufthansa am Mittwoch feierlich in Dienst gestellt hat: Nur First- Class-Passagiere, die bereit sind, 12 174 Euro für einen Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Tokio zu zahlen, können einen Langstreckenflug künftig neu erleben. Für alle anderen Passagiere ändert sich in Sachen Komfort wenig bis nichts.

Gleichwohl dürfte die Lufthansa vorerst wenig Probleme haben, genügend Tickets für Flüge mit ihrem neuen Flaggschiff zu verkaufen, das vom 11. Juni an regelmäßig nach Tokio abhebt, ab Ende August dann auch nach Peking und ab Ende Oktober nach Johannesburg. Für Freunde der Luftfahrt ist eine Reise mit dem A 380 ein Wert an sich – ähnlich wie einst ein Flug mit dem Jumbo von Boeing, der legendären 747, die vor gut 40 Jahren erstmals abhob. Der A380 des europäischen Konkurrenzherstellers Airbus ist heute das größte, leiseste und angeblich sparsamste Verkehrsflugzeug der Welt. Damit werde „ein neues Fenster in der Geschichte des Unternehmens geöffnet“, sagte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber vor der Taufe des ersten von 15 bestellten Fliegern auf dem Airbus- Werksgelände in Hamburg-Finkenwerder. Der trägt den Namen „Frankfurt am Main“. Und Airbus-Chef Tom Enders sagte: „Wir werden mit jeder Auslieferung besser“, nachdem er zu den noch nicht überwundenen Produktionsproblemen gefragt wurde.

28 Exemplare hat Airbus seit 2008 ausgeliefert, 20 sollen es im laufenden Jahr sein. 174 weitere sind bestellt, in diesem Jahr rechnet Enders zudem mit 20 neuen Bestellungen: Der A380 ist sein wichtigstes Produkt. 17 Unternehmen haben den Riesenflieger bestellt; mit Abstand wichtigster Kunde (58 Bestellungen) ist die arabische Gesellschaft Emirates, gefolgt von Qantas (20) aus Australien und Singapore Airlines (19). Jeder dieser Großkunden dürfte deutlich weniger als den Listenpreis von rund 280 Millionen Euro pro Stück bezahlt haben.

Dabei haben die Gesellschaften ganz unterschiedliche Dinge mit dem doppelstöckigen Flieger vor: So möchte die kleine Air Austral die zwei bestellten A380 zu klassenlosen Massenfliegern mit 840 Sitzplätzen ausrüsten – Weltrekord. Diese sollen zwischen Paris und der Insel Réunion im indischen Ozean pendeln. Der saudische Prinz Al-Walid dürfte seine bestellten Maschine dagegen weiträumigst einrichten.

Europas größte Gesellschaft Lufthansa geht bei der Ausstattung einen Mittelweg, verzichtet, anders als etwa Emirates bei einem Teil der A380-Flotte, auf die Dusche. Weil sich die Premium-Passagiere meist erst zur Landung frisch machen wollen, würde es kurz vor Ende des Fluges auch bei nur acht Personen Gedränge und Ärger geben, erklärt Christina Foerster, zuständig für die Langstrecken bei Lufthansa. Deshalb setzte man lieber auf Ankunfts-Lounges an den Flughäfen, wo die First-Class-Gäste während des Duschens auch noch ihr Hemd aufbügeln lassen können. Auch die bei den Wettbewerbern üblichen Bordbars gibt es bei der Lufthansa nicht, weil die dort geführten Gespräche schlafbedürftige Passagiere stören könnten. „Wir verkaufen vor allem Ruhe“, sagt Foerster. Zwischen 350 bis 400 Millionen Euro habe sich die Lufthansa die Entwicklung der acht Premium-Plätze kosten lassen und vermarktet diese jetzt als die „leiseste First Class der Welt“.

Wer dafür nicht den Gegenwert eines Kleinwagens ausgeben möchte, kann auf der Strecke von Frankfurt nach Tokio auch für 3676 Euro einen der 98 Business-Class-Sitze buchen, die sich im hinteren Teil des Oberdecks befinden. Dort erleben Lufthansa-Gäste mit gehobenem Anspruch aber wenig Neues: Es handelt sich um die bereits 2004 auf der bisherigen Langstreckenflotte eingeführte Standardausstattung mit leichten Optimierungen. Auf die bei den meisten Wettbewerbern bereits üblichen Flachbett-Sessel müssen die Geschäftskunden der Lufthansa weiter warten. Eine neue Business- Class soll erst mit der Einführung des neuen Superfliegers der Konkurrenz, der Boeing 747-8, eingerichtet werden – also frühestens Ende 2011. Bleibt noch die „Holzklasse“ auf dem Unterdeck, dort fliegen Passagiere schon für 825 Euro nach Tokio. Weil die Sitzlehnen dünner geworden sind, gibt es dort jetzt fünf Zentimeter mehr Beinfreiheit.

Bevor die „Frankfurt am Main“ in den Linienbetrieb nach Fernost geht, fliegt sie am 6. Juni zunächst die deutsche Fußball-Elf zur WM nach Südafrika. Mal sehen, welchen acht Spielern Trainer Jogi Löw den besten Schlaf gönnt.

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