Wirtschaft : Neuer Siemens-Chef in Sicht

Aufsichtsrat trifft sich am Sonntag / Linde-Chef Reitzle könnte doch noch kommen

Alfons Frese,Daniel Rhee-Piening

Berlin/München – Die Suche nach einem Siemens-Chef ist offenbar beendet. Der Konzern bestätigte am Freitag, dass am Sonntag eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats in München einberufen wurde. Ganz oben auf der Tagesordnung steht das Thema Personalien. Für Konzernchef Klaus Kleinfeld, der am 26. April seinen Rücktritt angekündigt hatte, sucht Aufsichtsratschef Gerhard Cromme seit Wochen einen Nachfolger. Der Aufsichtsrat hatte Kleinfelds Vertrag im April nicht verlängert, weil weitere Enthüllungen aus dem Schmiergeldskandal befürchtet werden, die womöglich auch Kleinfeld betreffen könnten. Kleinfeld kündigte darauf seinen Rückzug mit Auslaufen des jetzigen Vertrags zum 30. September an.

Über Kandidaten wird seitdem spekuliert. Nach der Absage von Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist Cromme selbst ins Blickfeld gerückt. Er könnte nach dem Aktiengesetz für maximal ein Jahr die Doppelfunktion des Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden übernehmen – und so die Zeit überbrücken, bis Reitzle doch noch kommt. Aus Bankenkreisen ist zu hören, Reitzle habe nur abgesagt, weil er bislang keinen Weg gefunden habe, aus seinem Vertrag bei Linde auszusteigen. Er sei keineswegs endgültig aus dem Rennen.

Als weiterer externer Kandidat wird Eckhard Cordes, derzeit Chef des Duisburger Mischkonzerns Haniel, gehandelt. Cordes war langjähriger Weggefährte von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp, zuletzt als Chef der Mercedes Car Group. Als Dieter Zetsche und nicht er zum Nachfolger Schrempps nominiert wurde, verließ Cordes den Daimler-Konzern.

Sollte es doch zur Wahl eines internen Kandidaten kommen, ist Erich Reinhardt, Leiter der Medizintechnik, einer der Favoriten. Gegen Reinhardt spricht allerdings das Alter von 61 Jahren. Mit 52 Jahren deutlich jünger ist Hermann Requardt, derzeit Technologievorstand. Auch Helmut Gierse, Chef des Automatisierungsbereichs, kommt in Frage. Gegen eine interne Lösung spricht indes, dass Cromme bislang argumentiert hat, ein unbelasteter, konzernfremder Manager müsse an die Spitze rücken. Vor allem soll in Richtung der Ermittler der US-Börse signalisiert werden, dass der Schmiergeldskandal aufgeklärt wird – auch mit zweifelsfrei Unbeteiligten an der Spitze. Bislang ist allein bei der Sparte Com ein Schaden von mehr als 420 Millionen Euro entdeckt worden.

Für einen Vorstandsvorsitzenden aus den eigenen Reihen spricht die Struktur des Konzerns. Weil es einem Außenstehenden geradezu unmöglich sei, das Konglomerat mit 475 000 Mitarbeitern zu überblicken, heißt es. Angeblich bevorzugt die Arbeitnehmerseite einen internen Kandidaten. Besonderes Gewicht hat dabei Ralf Heckmann. Heckmann ist stellvertretenderAufsichtsratschef und Gesamtbetriebsratsvorsitzender. Zudem bildet er mit Cromme und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann das Präsidium des Aufsichtsrates, das vor der Sitzung am Sonntag eine Vorentscheidung über den neuen Chef getroffen hat.

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