Neuer Siemens-Chef : Vertrauensvorschuss für Löscher

Die Finanzmärkte haben positiv auf die Ernennung des US-Managers Peter Löscher zum neuen Siemens-Chef reagiert.

Vertrauensvorschuss für Löscher
Siemens: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (l.) und der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher. -Foto: dpa

MünchenNach dem wochenlangen Führungschaos bei Siemens hat die Finanzwelt erleichtert auf die Berufung des Pharma-Managers Peter Löscher zum neuen Siemens-Chef reagiert. "Wir glauben, dass der Aufsichtsrat am Ende eine sehr gute Wahl getroffen hat", sagte Michael Hagmann von der Investmentbank UBS. Auch andere Analysten äußerten sich positiv. Die Siemens-Aktie legte zur Eröffnung um mehr als zwei Prozent auf 94,60 Euro zu, musste im Lauf des Tages aber wieder einen Teil der Gewinne abgeben. Die Aktie war bereits am Freitag nach ersten Anzeichen für eine baldige Lösung der Führungskrise um mehr als vier Prozent gestiegen.

Der Aufsichtsrat hatte den Merck-Manager Löscher am Vortag zum Nachfolger von Klaus Kleinfeld ernannt, der im Zuge der Schmiergeldaffäre bei Deutschlands größtem Elektrokonzern seinen Rücktritt angekündigt hatte. Löscher übernimmt den Vorstandsvorsitz am 1. Juli. In der Öffentlichkeit war er bisher weitgehend unbekannt. Das Unternehmen und die Finanzmärkte hoffen aber, dass der Österreicher den Siemens-Konzern aus der schwersten Krise seiner Geschichte führen kann.

Experten äußerten sich vor allem erleichtert, dass eine Lösung gefunden wurde. "Die Unsicherheit ist weg", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Das Machtvakuum war das Schlimmste für den Konzern", erklärte Bergdolt. Vorteile des 49-Jährigen seien seine Erfahrungen beim US-amerikanischen Siemens-Konkurrenten General Electrics (GE) und seine Kenntnisse in der Pharmabranche, erklärte die Aktionärsschützerin. Dies könne ein Hinweis darauf sein, dass Siemens den von Kleinfeld eingeschlagenen Weg, stark auf das Zukunftsfeld Gesundheit zu setzen, fortsetze. Im Hinblick auf die Aufklärung des Schmiergeldskandals bei Siemens erklärte Bergdolt: "Dass einer von außen kommt, ist nicht schlecht." So könne er nicht in die Korruptionsskandale verwickelt sein.

Neue Dimension für Löscher

Ein Nachteil Löschers könne es sein, dass er noch nie einen Konzern der Größenordnung von Siemens mit 475.000 Mitarbeitern geführt habe und eine längere Einarbeitungszeit benötige, sagte Bergdolt. Zudem fehle ihm eine Hausmacht im Konzern. "Man kann nur hoffen, dass er eine Integrationsfigur ist", sagte die Aktionärsschützerin. Auch die Analystin der SEB-Bank, Karina Gundermann, erklärte: "Löscher kann frisches Blut bei Siemens bringen."

Die Arbeitnehmervertreter hatten die Berufung Löschers ebenfalls begrüßt. Man habe "den Eindruck gewonnen, dass Herr Löscher mit seiner Persönlichkeit in der Lage ist, die Führungskrise bei Siemens zu lösen und den Konzern in ruhigere Wasser zu führen", erklärte der Gesamtbetriebsrat. Löscher habe zugesagt, dass es keine Kahlschlagpolitik in Deutschland oder anderswo geben werde.

Druck auf von Pierer wächst

Unterdessen wächst einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge der Druck auf den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer. Demnach fordern Aufsichtsräte, Pierers Rolle im Korruptionsskandal umfassend aufzuklären.

Dem Bericht zufolge gibt es harsche Kritik an Pierer, weil er von einem wegen Bestechung verurteilten Siemens-Manager eine zuvor ausbezahlte Millionen-Abfindung nicht zurückforderte. "Es kann nicht sein, dass verurteilte Manager mit einem goldenen Handschlag verabschiedet werden" zitiert das Blatt einen Aufsichtsrat. Pierer hatte bei seinem Rücktritt als Aufsichtsratschef erklärt, er habe sich stets korrekt verhalten.

Korruptionsaffäre weitet sich aus

Die Affäre um Korruption und schwarze Kassen hat sich nach einem Bericht des "Focus" zufolge nochmals dramatisch ausgeweitet. Laut Justizkreisen seien bereits verdächtige Zahlungen in Höhe von drei Milliarden Euro festgestellt worden - eine Milliarde im Bereich Kommunikation und zwei Milliarden in anderen Geschäftsfeldern. Die Affäre um Korruption und schwarze Kassen könne sich noch drei bis vier Jahre hinziehen, heißt es in der neuen Ausgabe. Bis Ende 2007 wollten die Staatsanwälte in der ersten Verfahren Anklagen erheben. Siemens hatte bislang von 420 Millionen Euro an verdächtigen Zahlungen gesprochen, aber auch angekündigt, dass die Summe nach der Überprüfung anderer Bereiche steigen könnte. (mit dpa und AP)

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