Wirtschaft : Neuer Streit um den Ladenschluss

cd/brö

Die lange Nacht des Shopping in der Berliner Innenstadt sowie Berichte über die schlechte Konjunkturlage und eine allgemeine Konsumzurückhaltung haben eine neue Diskussion um die Ladenöffnung im Einzelhandel in Gang gesetzt. "Es wird Zeit, dass sich hier etwas tut", sagte Tommy Erbe, Sprecher der Europa-Center Werbegemeinschaft, am Sonntag in Berlin. Berlin brauche international übliche, angepasste Öffnungszeiten.

Mit den bis zum späten Abend ausgeweiteten Einkaufs-Möglichkeiten wollten die Berliner Geschäftsinhaber die "größte Demonstration zur Abschaffung des Ladenschlussgesetzes" ( siehe Lexikon ) veranstalten. Fast 300 Geschäfte hatten am Freitag und Samstag rund um die Gedächtniskirche bis in die Nacht hinein geöffnet. "Deutlich mehr" als die erwarteten 300 000 Besucher seien am Wochenende gekommen, hieß es.

Der zusätzliche Umsatz der Geschäfte entspreche "einem dreifachen normalen Sonnabend", hieß es in einem beteiligten Esprit-Geschäft. Ins Sportkaufhaus Niketown kamen laut Filialchef Klaus Kurz "doppelt so viele Besucher zwischen 16 und 24 Uhr wie in den Stunden davor". Im Neuen Kranzler-Eck machten die Geschäfte einen drei bis vier Mal höheren Umsatz als sonst an Sonnabenden. Einzig die Kaufhäuser KaDeWe, C & A, Wertheim sowie Peek & Cloppenburg beteiligten sich wegen Protesten ihrer Betriebsräte nicht. Die nächste lange Einkaufsnacht ist für März 2002 geplant.

Bundesweit scheinen die Deutschen seit den Terrorattacken in den USA und der drohenden Rezession indes ihren Konsum deutlich einzuschränken. Nach einer Umfrage der "Bild am Sonntag" in verschiedenen Branchen sehen sich Händler mit leeren Kassen und vollen Regalen konfrontiert. Umsatzrückgänge im zweistelligen Prozentbereich seien keine Seltenheit, und an einer Belebung durch das Weihnachtsgeschäft zweifelten viele. "Die Stimmung war wegen der schlechten Wirtschaftsnachrichten, vielen Entlassungen und fallenden Börsenkursen das ganze Jahr über schon mies", sagte Andreas Bauer von der Unternehmensberatung Roland Berger der Zeitung. Durch die aktuellen Ereignisse habe sich die Lage noch zugespitzt. Er rechnet mit Umsatz-Einbußen von bis zu zehn Prozent im Konsumbereich.

Das sei ein Zeichen dafür, dass sich die Konjunktur weiter abschwäche, findet Johann Hellwege, Hauptgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG). "Den Handel trifft die Flaute immer zuerst. In Krisenzeiten sparen die Verbraucher lieber ihr Geld, statt es auszugeben." Besonders schwer betroffen sind die Möbel-, Textil- und Elektronikbranche. Der Möbelhandel hat im September ein Umsatzminus von acht Prozent erlebt. Die Branche der Textilhändler "musste zweistellige Umsatzeinbußen hinnehmen", sagte Hubertus Pellengahr vom Handelsverband HDE.

Nach Angaben des Ifo-Instituts haben die Anschläge in den USA vornehmlich in der Industrie für eingetrübte Stimmung gesorgt. Einer neuen Umfrage der Wirtschaftsforscher zufolge habe der Einfluss aus den USA auch die Geschäftslage im Verarbeitenden Gewerbe hier zu Lande im September stark einbrechen lassen. Während der Aufwärtstrend auch im Großhandel gestoppt wurde, besserte sich die Lage im westdeutschen Einzelhandel. Der viel beachtete Ifo-Index war im September auf 85,0 Punkte gesunken, den tiefsten Stand seit acht Jahren.

Die Folgen der Anschläge für die Konjunktur drückten auf die Exportaussichten der Industrie, teilte das Ifo-Institut mit. Die Auftragsbestände seien gesunken. Ein Drittel der Unternehmen hielt sie inzwischen für zu niedrig, mehr Firmen als zuvor fuhren ihre Produktion zurück. Mit 84,6 (85,6) Prozent waren die Kapazitäten im September geringer ausgelastet als Ende Juni.

Das Geschäftsklima in der ostdeutschen Industrie fiel auf den tiefsten Stand seit Sommer 1993. "Die Geschäftserwartungen für die Wintermonate waren so pessimistisch wie noch nie", ergab die monatliche Ifo-Umfrage. Die Industriefirmen in den neuen Ländern konnten ihre Produktion nur zu 81,2 (82,4) Prozent auslasten. Ein Jahr zuvor seien es noch vier Prozentpunkte mehr gewesen. In der Bauwirtschaft leide vor allem der Wohnungsbau und der öffentliche Bau, wo die aktuelle Lage von den Firmen so schlecht beurteilt worden sei wie seit vier Jahren nicht mehr. Auch bei den Erwartungen nehme die Skepsis zu. Die Unternehmen rechnen im Westen Deutschlands vorerst nicht mit einer Belebung.

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