Wirtschaft : Neuer Strommix für Deutschland

Rot-Grün hat die Energiewende beschlossen – jetzt ist der Streit darüber entbrannt, wie weit sie tatsächlich gehen soll

Dagmar Dehmer

Ein Stromausfall wie in den USA ist in Deutschland undenkbar. Zumindest in dieser Einschätzung sind sich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) und Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) einig. Aber wie in Deutschland gleichzeitig anspruchsvolle Klimaschutzziele erreicht werden können, die Bürger und die Industrie darauf vertrauen können, dass der Strom nicht ausfällt, und dies alles auch noch bezahlbar bleiben soll – darüber streiten Clement und Trittin. Während der Umweltminister die erneuerbaren Energien ausbauen will, hält der Wirtschaftsminister an der Kohle fest. Dabei hat die Bundesregierung schon im April 2002 entschieden, wie Deutschland in Zukunft mit Energie versorgt werden soll. Damals legte das Kabinett seine Nachhaltigkeitsstrategie vor.

Darin sind für die Energieversorgung zwei Ziele formuliert worden. Zum einen soll Energie effizienter genutzt werden. Bis 2020 soll die Energie- und Ressourcenproduktivität im Vergleich zu 1990 verdoppelt werden. Das heißt: Mit der Hälfte der Energie soll die selbe Menge Produkte erzeugt werden.

Das zweite Ziel betrifft den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen. Bis 2010 soll ihr Anteil am Stromverbrauch bei 12,5 Prozent liegen. Bezogen auf den gesamten Energieverbrauch – neben Strom auch für Wärme und den Verkehr – soll der Anteil der erneuerbaren Energien dann bei 4,2 Prozent liegen. Derzeit sind es rund drei Prozent. Bis 2050 soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Energieversorgung bei 50 Prozent liegen.

Beide Ziele sind ehrgeizig. Sollen sie erreicht werden, muss der Kraftwerkspark bis 2050 ganz anders aussehen als heute. In den kommenden 20 Jahren werden nicht nur die Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Bis 2020 rechnet das Umweltbundesamt (UBA) auch bei den anderen Kraftwerken zur Stromerzeugung mit einem Ersatzbedarf von rund 40 000 Megawatt Leistung. Der Grund: Auch viele Stein- und Braunkohlekraftwerke erreichen bis dahin das Ende ihrer Lebensdauer. Aus der Sicht des Sachverständigenrats für Umweltfragen ist dies eine große Chance für die Energiewende. Investitionen in der Energiewirtschaft werden über Jahrzehnte abgeschrieben. Die Entscheidungen, die nun getroffen werden, bestimmen die Struktur der Energieversorgung also für viele Jahre. Die Umweltweisen fordern deshalb, die Energieerzeugung zu modernisieren und aus der Kohle auszusteigen.

Dagegen wehrt sich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Seine Sprecherin Andrea Weinert sagte dem Tagesspiegel, Clement orientiere sich an den drei Zielen: Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit. Diese Ziele seien auch in der Nachhaltigkeitsstrategie der Regierung verankert. „Das alles muss in Einklang gebracht werden“, sagte Weinert. Clement selbst meinte, Deutschland steige schon aus der Atomenergie aus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auch noch aus der Kohle aussteigen will.“ Und zu den Ausbauplänen für die erneuerbaren Energien sagte Clement, er glaube, „dass bei den erneuerbaren Energien die Grenze dessen erreicht sei, was an Zubau noch möglich sei.

Das Konzept, das Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) nun erarbeitet hat, geht von anderen Annahmen aus. Wenn Deutschland seine langfristigen Klimaschutzziele erreichen wolle, müsse die Energieversorgung künftig statt mit wenigen großen, zentralen Kraftwerken mit einer Vielzahl kleiner, dezentraler, aber durch moderne Steuerungstechniken verbundene Kraftwerke erreicht werden. Trittin hält an dem Ziel fest, bis 2050 die Hälfte des deutschen Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Fossile Energiequellen wie Kohle, Erdöl oder Gas sollen langfristig nur noch dort eingesetzt werden, „wo es keine Alternativen gibt“, heißt es in Trittins Konzept. Die Bedeutung kleinerer Anlagen, beispielsweise Gas- und Dampfturbinenkraftwerke, die Kraft-Wärme-Kopplung, bei der neben Strom auch Wärme erzeugt wird, oder von Brennstoffzellen, die mit Wasserstoff betrieben werden, werde zunehmen. Die so genannte Grundlast, also der Strom, der immer zur Verfügung stehen muss, könnte auch durch Erdwärmeanlagen, mit Biomasse – Holz, Pflanzenöl oder Biogas – oder mit Grubengas gedeckt werden, argumentiert Trittin.

Zudem setzt er auf eine deutliche Erhöhung der Effizienz bei der Energienutzung. Nicht nur bei der Produktion in der Industrie sondern auch beim Verbrauch der Haushalte. Eine bessere Wärmedämmung, die Nutzung von effizienteren Haushaltsgeräten und der Verzicht auf den Stand-by-Betrieb von elektrischen Geräten wie Fernsehern könnte beträchtliche Energiemengen einsparen, heißt es im Konzept des Bundesumweltministeriums.

Mit seiner Einschätzung steht Trittin nicht allein. Auch das Umweltbundesamt hat am Freitag eine Studie veröffentlicht, die das Energiekonzept des Umweltministers stützt. Ohne die Energiewende könne Deutschland seine Klimaschutzziele nicht einhalten, argumentiert das UBA. Denn diese enden nicht mit der Erfüllung der Vorgaben durch das Kyoto-Protokoll, die Deutschland vermutlich gelingen wird. Darin hatte sich Deutschland verpflichtet, bis 2012 im Vergleich zu 1990 den Ausstoß von sechs Treibhausgasen um 21 Prozent zu reduzieren. Bis 2020 soll Deutschland dann seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent bis 2050 sogar um 80 Prozent vermindern. So hat es der Bundestag beschlossen. Und da die Energiewirtschaft im Jahr 2000 mit immerhin 42,2 Prozent am deutschen Kohlendioxid-Ausstoß beteiligt war, lässt sich leicht ablesen, wie wichtig der Energiesektor für den Klimaschutz ist.

Bis Ende 2004 will die Bundesregierung ein Konzept vorlegen, wie sie ihre klima- und energiepolitischen Ziele bis 2050 erreichen will.

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