Neuer Zug ICX : Bahn und Siemens wollen Pannenserie beenden

220 Züge vom Typ ICX für 5,5 Milliarden Euro: Die Deutsche Bahn und Siemens stehen vor dem Abschluss des größten Geschäfts ihrer Geschichte.

von
Stillstand. Zugausfälle wie in diesem Winter will die Bahn künftig vermeiden.
Stillstand. Zugausfälle wie in diesem Winter will die Bahn künftig vermeiden.Foto: dpa

Berlin - Die mehr als fünf Milliarden Euro umfassende Bestellung des neuen Zugtyps ICX soll „in den nächsten Wochen oder Monaten“ unter Dach und Fach gebracht werden, hieß es bei dem Staatskonzern. „In näherer Zukunft“ werde man sich einig werden, sagte auch Siemens-Mobility-Chef Hans-Jörg Grundmann dem Tagesspiegel. Der ICX, der das neue Rückgrat der Bahn im Fernverkehr werden soll, wird ab 2016 zum Einsatz kommen.

Damit steht eine monatelange Hängepartie vor dem Ende. Eigentlich sollte der Auftrag schon im vergangenen Sommer unter Dach und Fach gebracht werden, seit Januar 2010 ist Siemens der einzige Verhandlungspartner für das Projekt. Doch die Gespräche gestalteten sich schwierig. Angesichts des großen Volumens, der den Siemens-Standorten über Jahre volle Auftragsbücher beschert, verlangte die Bahn zahlreiche Neuerungen im Vergleich zu früheren Bestellungen.

„Die Flotte muss extrem flexibel sein, schließlich fahren die Züge über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren, da kann sich eine Menge verändern“, sagte ein hochrangiger Bahn-Manager dieser Zeitung. Zuglängen, Antriebsleistungen und Ausstattung lassen sich nun je nach Strecke und Nachfrage variieren. „Heute gibt es etwa beim ICE 3 nur zwei Optionen – wir können in Einzel- oder Doppeltraktion fahren. Das reicht uns nicht.“ Bei mehr Variabilität könnte die Bahn in Zukunft an Tagen mit großer Nachfrage, etwa am Wochenende, mehr Sitzplätze anbieten.

Der ICX soll die Jahrzehnte alte IC-Flotte und später auch den ICE 1 und 2 ablösen. Das Signal, dass die Bahn nun auf neue Züge setzt, ist zudem angesichts des Winter-Desasters für den Konzern extrem wichtig. Bestellen will das Unternehmen zunächst 220 Züge – „das kann erweitert werden, wenn wir weitere grenzüberschreitende Verkehre fahren wollen“, sagte der Bahn-Manager. Das Auftragsvolumen hatte Vorstandschef Rüdiger Grube kürzlich auf 5,5 Milliarden Euro taxiert – mithin würde ein Zug im Durchschnitt 25 Millionen Euro kosten. Dem Vernehmen nach sind die Gespräche über diesen Punkt aber noch nicht abgeschlossen. Hintergrund: Angesichts des Wettbewerbs mit Auto und Flugzeug erzielt der Fernverkehr nur geringe Margen. Entsprechend intensiv sind die Preisverhandlungen zwischen Siemens und der Bahn. Gebaut werden die Züge in Krefeld, denkbar ist, dass auch die Berliner Region von Zulieferaufträgen profitiert.

Vorgesehen ist eine völlige Neukonstruktion. Mit dem bislang modernsten Bahn-Zug ICE 3 hat der ICX wenig gemein. Angesichts der jahrelangen Qualitätsprobleme bei den Schnellzügen – die Mängelliste reicht von Bremsen über Toiletten, Klimaanlagen, Kupplungen und Achsen – setzt die Bahn auf eine engere Kooperation mit Siemens schon bei Design und Produktion. Sie verlangt eine höhere Zuverlässigkeit und umfangreiche Garantien, aber auch berechenbare Kosten, um aufwendige Nacharbeiten zu vermeiden. „Wir lassen uns in gewissem Umfang Lebenszykluskosten garantieren“, heißt es bei der Bahn.

Im Gegenzug will der Konzern erstmals Erfahrungen aus dem täglichen Betrieb mit der Industrie teilen. „Es wird einen Austausch von Betriebsdaten geben“, sagte der Bahn-Manager weiter. Der Hersteller müsse wissen, wie einzelne Komponenten funktionierten und wie zuverlässig sie seien. Bislang hat die Bahn solche Daten unter Verschluss gehalten und die Wartung in Eigenregie durchgeführt. Dies hatte das Verhältnis zur Bahnindustrie belastet – zumal sich der Staatskonzern oft über die schlechte Qualität neuer Züge beklagte. Die zuletzt häufigen Pannen – ob bei der Berliner S-Bahn oder den ICEs – könnten an mangelnder oder falscher Wartung liegen, argwöhnen Manager der Branche. Schließlich sind sowohl die S-Bahn Berlin als auch die ICEs jahrelang zuverlässig gefahren, bevor sich zuletzt die Pannen häuften.

Die Bahn will in puncto Zuverlässigkeit jedenfalls auf Nummer sicher gehen. Zwei der neuen ICX-Exemplare sollen über längere Zeit auf ihre Alltagstauglichkeit getestet werden, bevor die Züge in den Fahrplanverkehr aufgenommen werden.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben