Wirtschaft : Neues Gesicht

Das angeschlagene Unternehmen präsentiert nach langem Schweigen ein Konzept für die Zukunft. Die Arbeitnehmervertreter hoffen auf eine Trendwende

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Foto: KeystoneFoto: Volkmar Schulz / Keystone Presse

An einigen Ecken in der Filiale am Kurfürstendamm 231 kann man es noch sehen, das alte Karstadt. In der Schuhabteilung liegt ein grauer Teppich, verfleckt und ein bisschen ausgefranst. Die Schuhe sind in die Regale aus heller Holzspanplatte gestopft, Regal reiht sich an Regal. Von der grauen Decke leuchten Neonröhren, alles ist in fahles Licht getaucht. In der Unterwäscheabteilung stehen die Kleiderstangen dicht an dicht, die Gänge zwischen den Teppichen, die die Geräusche schlucken, sind aus grauem Linoleum.

Vier Etagen weiter oben eröffnet sich der Blick auf das neue Karstadt. Hell ist es, an der weißen Decke hängen Strahler. Der Raum ist offen, der Teppich ist glänzendem Holzparkett gewichen. Es gibt weniger Ware, dafür sind einzelne Produkte in Szene gesetzt. Regale und Kassen strahlen in hellem Weiß.

In der Filiale auf Berlins berühmtester Einkaufsmeile wird – bei vollem Betrieb – gebohrt, geschraubt und geschweißt. Im September sollen alle Etagen renoviert sein, Karstadt am Kurfürstendamm ist eines der ersten Häuser, das dann in neuem Glanz erstrahlt. Auch die Spandauer Filiale wird gerade modernisiert.

In diesem Jahr will das Unternehmen 22 der 115 Karstadt-Häuser aufhübschen. Bis 2015 sollen insgesamt 60 Filialen zumindest teilweise renoviert werden. 400 Millionen Euro nimmt das Unternehmen dafür in die Hand. Den neuen Anstrich hat Karstadt-Chef Andrew Jennings verordnet. Er legte kürzlich sein Modernisierungskonzept für den angeschlagenen Warenhauskonzern vor, an dem sich schon so viele Manager versucht haben – und schließlich scheiterten. Jennings Vorgänger Karl-Gerhard Eick wollte den Konzern umbauen, setzte auf mittlere Einkommen statt auf Luxus, und dankte nach nur einem halben Jahr ab. Der britische Manager Jennings, der seit der Rettung des Konzerns durch den Investor Nicolas Berggruen die Geschäfte führt und zuvor Woolworth in Südafrika sanierte, will alles anders machen. „Karstadt 2015“ heißt seine Strategie, die er „rückhaltlos und konsequent“ umsetzen will, sagt er.

Das neue Konzept ruht auf vier Pfeilern: Modernisierung und Differenzierung der Häuser, eine Schärfung des Profils und die Vereinfachung des Geschäftsmodells. Damit will der Warenhauskonzern, der mit der Konkurrenz von Elektronikketten wie Mediamarkt und Saturn sowie den großen Bekleidungsketten H&M, Zara oder C&A zu kämpfen hat, neue Kunden anlocken.

Die Differenzierung ist nicht ganz neu: Investor Nicolas Berggruen, der Karstadt 2010 aus der Insolvenz holte, teilte den Warenhauskonzern in drei Bereiche. Heute gibt es 86 reguläre Häuser, drei Premiumhäuser, darunter auch das KaDeWe in Berlin, und 26 Sporthäuser, in denen insgesamt 22 000 Menschen arbeiten.

Sein Profil will das Unternehmen vor allem durch eine Überarbeitung des Sortiments schärfen. Karstadt bietet derzeit alles an – vom Fernseher über Mode bis zu Lebensmitteln. Künftig soll der Fokus stärker auf Mode, Lifestyle und Sport liegen. In den kommenden drei bis vier Jahren will Karstadt acht bis zehn neue Sporthäuser eröffnen. Zugleich soll der Online-Handel ausgebaut werden. Karstadt will seine Kunden auch über soziale Netzwerke wie Facebook ansprechen. Dafür hat Jennings ein stolzes Ziel ausgegeben: Der bisher marginale Umsatzanteil des Online-Geschäfts soll „in einigen Jahren bei acht bis zehn Prozent liegen“, sagt der Karstadt-Chef.

Ein anderer Teil der Strategie ist die Stärkung der Marken. Einerseits will Karstadt seine Eigenmarken bekannter machen. Andererseits setzt der Konzern auf exklusive Verträge mit anderen Herstellern: In den nächsten 18 Monaten sollen 20 neue Marken in den Geschäften zu finden sein. Das Sortiment soll künftig nicht mehr überall gleich sein, sondern stärker an das regionale Umfeld der Häuser angepasst werden.

Und schließlich will Karstadt kundenfreundlicher werden. Lange Zeit sei das nicht der Fall gewesen, sagt Arno Leder, Betriebsratsvorsitzender der Hauptverwaltung in Essen. Jetzt sollen die Arbeitnehmer besser geschult werden, es soll flexiblere Arbeitszeitmodelle geben, damit sich der Konzern besser an das Kundenaufkommen anpassen kann. Jennings plant zudem neue Anreizsysteme für die Mitarbeiter. Margret Mönig-Raane, die stellvertretende Verdi-Vorsitzende, sieht das kritisch. „Uns geht es vor allem darum, dass keine Einzelprämien ausgehandelt werden, die diejenigen benachteiligen, die hinter den Kulissen für den Erfolg des Unternehmens sorgen“, sagt sie. Die Mitarbeiter sollen aber auch entlastet werden, zum Beispiel durch weniger Papierkram. Sie müssten „in den Warenhäusern mehr Zeit für die wichtigsten Personen in unserem Unternehmen haben: unsere Kunden“, sagte Jennings. „Als Einzelhändler müssen wir unser Unternehmen vereinfachen.“

Die Arbeitnehmervertreter reagieren verhalten auf die neue Strategie. „Was Herr Jennings uns vorgestellt hat, ist kein Konzept, das den Einzelhandel neu definiert, aber es ist machbar“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Leder. Die Hoffnung sei, dass es diesmal umgesetzt werde. „Es würde mich sehr ärgern, wenn nach sechs Monaten schon wieder ein neues Konzept präsentiert würde.“

Die Umsetzung von „Karstadt 2015“ hat – wie in Berlin zu sehen – schon begonnen. Bis 2015 wird aber nicht alles fertig sein. „Der Weg der Reise geht darüber hinaus“, sagt Jennings. Doch für das Unternehmen, das es gerade aus der Insolvenz geschafft hat, wird es künftig nicht leichter werden. Karstadt hat sich verpflichtet, bis zum Herbst alle Häuser weiterzubetreiben und keine Mitarbeiter zu entlassen. Im Gegenzug haben die Angestellten auf Teile ihres Lohns verzichtet. Wenn die Vereinbarung ausläuft, kommen auf Karstadt Kosten in Höhe von 50 Millionen Euro zu. Auch die mit dem Vermieterkonsortium Highstreet ausgehandelten Mietnachlässe laufen 2012 aus. „Das Auslaufen des Gehaltsverzichts und der Mietnachlässe haben wir im unseren Planungen berücksichtigt“, sagt Jennings.

Ob die Mitarbeiter nach 2012 zu erneuten Zugeständnissen bereit sind, ist offen. „Ich habe immer gesagt: Mit 2012 kehrt die Normalität bei den Personalkosten im Karstadt-Konzern wieder ein“, sagt Mönig-Raane. „Und dabei bleibe ich.“ Betriebsrat Leder ist zurückhaltender: „Ich denke, es kommt darauf an, was die Alternativen sind und in welcher Lage das Unternehmen dann ist.“

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