Wirtschaft : Neues Gutachten belastet die Haffa-Brüder

Die EM.TV-Gründer haben nach Aussagen eines Experten im August 2000 falsche Geschäftszahlen veröffentlicht

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München (nad). Im Strafverfahren gegen die ehemaligen EM.TVVorstände, die Brüder Thomas und Florian Haffa, hat ein neuer Gutachter die Angeklagten schwer belastet. Die im Halbjahresbericht im August 2000 veröffentlichten Umsatzzahlen für die Tochter-Firma Jim Henson („Muppet Show“) seien falsch gewesen und hätten gegen die Regeln der Rechnungslegung verstoßen, sagte der Münchener Wirtschaftsprofessor Wolfgang Ballwieser am Donnerstag vor dem Landgericht München.

Er stützte damit die Ansicht von Staatsanwalt Peter Noll, der den Haffas Kursbetrug und geschönte Zahlen für die ersten sechs Monate im Börsen-Boomjahr 2000 vorwirft. Noll zufolge haben die Haffas die Krise des einst schillernden Medienunternehmens bewusst lange verschwiegen und ihre Aktionäre hinters Licht geführt. Ausgehend von den internationalen Rechnungslegungs-Standards US-GAAP und IAS, legte Ballwieser seine Bedenken dar. „Die Haffas haben in der Halbjahresbilanz Umsätze von Jim Henson verbucht, die es noch gar nicht gab.“

Nach Ansicht des Gutachters haben die Haffas den Umsatz für das erste Halbjahr 2000 um rund 16 Millionen Euro zu hoch angegeben. Diese Summe hätte sich auf nur geplante, aber noch nicht auf realisierte Film-Produktionen von Jim Henson bezogen. Daher hätten aus Sicht des Finanzexperten weder Umsatz noch ein entsprechender Ergebnisbeitrag hinzugerechnet werden dürfen. EM.TV hatte einen Gewinnbeitrag von 6,3 Millionen Euro angerechnet und die Angaben schließlich im Oktober öffentlich korrigiert. Die EM.TV-Aktie erlebte daraufhin einen Kursrutsch um 30 Prozent. Ballwieser monierte in seinem Gutachten außerdem, dass EM.TV Umsätze von Jim Henson bereits ab Januar 2000 berechnet hatte, obwohl das Medienunternehmen die US-Firma erst im April 2000 erworben hatte. Das Zahlenwerk von EM.TV sei „ein Gemisch verschiedener Bilanzstandards“ gewesen, sagte der Gutachter.

Haffa-Anwalt Rainer Hamm wies die Anschuldigungen zurück. Ballwieser habe den bisherigen Verlauf der Verhandlung nicht miterleben können und habe daher einen „Informationsrückstand, der nicht aufgeholt werden kann“. Der Experte war erst vor ein paar Wochen mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt worden, nachdem das Gericht den ursprünglich bestellten Sachverständigen wegen Befangenheit abgelehnt hatte. Staatsanwalt Noll wertete die Aussagen Ballwiesers dagegen als Bestätigung seiner Anklage. „Heute ging es nur um eine Facette. Wie der Prozess ausgeht, steht damit noch lange nicht fest“, stellte er klar.

Das Gericht rechnet nun damit, dass sich der Prozess noch eine Weile hinziehen wird. Ursprünglich sollte das Verfahren bereits im Februar zu Ende gehen.

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