Neues Sparprogramm : Siemens-Belegschaft fordert Fakten

Sechs Milliarden Euro sollen bei Siemens eingespart werden. Der Betriebsrat des Technologiekonzerns fragt, wie das gehen soll. Am Mittwoch tagt der Aufsichtsrat.

von
An der Kreuzung. Bereits 2009 protestierten Siemens-Mitarbeiter in München gegen Kürzungen. Nun gibt es wieder Unruhe. Foto: dpa
An der Kreuzung. Bereits 2009 protestierten Siemens-Mitarbeiter in München gegen Kürzungen. Nun gibt es wieder Unruhe. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Die Siemens-Belegschaft ist verunsichert und fragt sich noch immer, wo Konzernchef Peter Löscher sechs Milliarden Euro sparen will. Ein zweitägiges Treffen von rund 600 Betriebsräten aus ganz Deutschland brachte vergangene Woche in Berlin kaum neue Erkenntnisse. Personalvorstand und Arbeitsdirektorin Brigitte Ederer war auch gekommen und hielt einen Vortrag vor den Arbeitnehmervertretern. „Aber wir sind nicht viel schlauer geworden“, moserte anschließend ein Teilnehmer. Lothar Adler, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, kritisierte, dass die Konzernspitze nur nach und nach Details des Sparprogramms kommuniziere. „Der Vorstand verfolgt eine Scheibchentaktik“, sagte Adler dem Tagesspiegel. Am kommenden Mittwoch tritt der Aufsichtsrat, dem Adler angehört, unter Leitung von Gerhard Cromme zusammen. Womöglich präsentiert dann Löscher weitere Punkte seines Sparprogramms.

Vor drei Wochen hatte der Vorstandsvorsitzende bei der Vorlage der Bilanz das Programm „Siemens 2014“ vorgestellt: In den kommenden zwei Jahren sollen die Kosten um sechs Milliarden Euro gedrückt werden. „Wir wundern uns schon: Der Konzern erreicht das zweitbeste Ergebnis in seiner Geschichte – warum reicht das nicht?“, ärgert sich Betriebsrat Adler über Löschers Sparziel. Tatsächlich fiel der Gewinn im letzten Geschäftsjahr um zwei Milliarden auf 5,2 Milliarden Euro.

Siemens-Bilanz im Gasturbinenwerk
In der Montagehalle: Siemens präsentierte seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2012 im Gasturbinenwerk in Moabit. Im Hintergrund sind die Endmontagestände zu sehen. Die in weiße Folie verpackte Turbine links ist bereits fertig für den Transport.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
09.11.2012 11:24In der Montagehalle: Siemens präsentierte seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2012 im Gasturbinenwerk in Moabit. Im Hintergrund...

Löscher möchte die Gewinnmarge der vier Bereiche Energie, Industrie, Gesundheit sowie Infrastruktur und Städte von aktuell 9,5 auf mindestens zwölf Prozent steigern. „Das Margendenken überlagert alles. Ob wir Geschäftsfelder auch langfristig brauchen, wird dagegen so gut wie gar nicht diskutiert“, kommentiert Adler das Profitziel. „Bei 5,2 Milliarden Euro Gewinn muss ich nicht eine noch höhere Marge über alles stellen.“

Auch über sichere Arbeitsplätze. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Siemens ausgeschlossen, also sollen Abfindungen Beschäftigte zum freiwilligen Ausscheiden animieren. Nach ersten Informationen der Betriebsräte könnten im Immobilienbereich bundesweit 100 Stellen wegfallen, ferner „ein paar hundert“ in Sparten, die mit dem Iran Geschäfte machen, und gut 1000 im Customer Service. In diesem Bereich hat Siemens 33 Niederlassungen in Deutschland – und binnen sechs Jahren rollt hier nun die vierte Kürzungswelle an für Wartungspersonal. „Diese Kollegen machen aber bei ihren Kundenkontakten für andere Geschäftsfelder die Türen auf“, kritisiert die stellvertretende Betriebsratschef Birgit Steinborn. „Man muss auch mal Durststrecken in einzelnen Bereichen durchstehen. Kurzfristiges Gewinndenken führt uns langfristig in die Sackgasse.“

Die Betriebsräte verfolgen einen anderen Ansatz. „Welche Produkte haben wir in fünf Jahren, welche Qualifikationen, welches Personal brauchen wir dafür – diesen Fragen wollen wir nachgehen“, sagt Steinborn. Das Management gehe mit dem Rasenmäher über alle möglichen Bereiche. „Oft wird Personal abgebaut und anschließend erst genauer hingeschaut, ob die Prozesse überhaupt noch laufen, oder ob nun Personal fehlt. Das ist absurd.“ Der Löscher-Kurs missfällt den Betriebsräten, die knapp 120 000 Arbeitnehmer hierzulande vertreten. „Über Investitionen und Innovationen wird kaum noch geredet“, sagt Steinborn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar