Wirtschaft : Neuland

Einmal Bauer - immer Bauer? Auch Landwirte können sich verändern - sie können auf Bio umsteigen. Und sogar in einem Studium lernen, was man über ökologische Landwirtschaft und ihre Vermarktung wissen muss.

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Seit Marcus Tanne auf das Spritzen verzichtet, muss das Unkraut auf seinen Feldern gehackt werden, bei den Sojabohnen beispielsweise. Dann packt auch mal sein Vater mit an, denn zu zweit geht es einfach schneller. „Die Unkrautregulierung habe ich anfangs unterschätzt“, sagt Tanne. Seit er seinen Betrieb auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hat, macht ihm die Arbeit aber auch mehr Spaß als zuvor. „Ich kann jetzt beruhigt sagen: Ich habe keine Chemie einsetzen müssen, um vernünftige Produkte zu produzieren.“

Seit 2012 sind die Erzeugnisse aus Marcus Tannes Betrieb in Schönhausen an der Elbe in Sachsen-Anhalt offiziell Bioprodukte. 2010 hatte der heute 35-Jährige mit der Umstellung seines bis dahin konventionellen Betriebs auf ökologische Landwirtschaft begonnen, die insgesamt 24 Monate dauert. Dazu hat er sich von einem Umstellungsberater begleiten lassen. Die Berater kommen aus den Erzeugerverbänden wie Demeter, Naturland und Gäa, um die Bauern bei den Maßnahmen zu unterstützen. Infoseminare können immer nur ein erster Schritt sein, denn jeder einzelne Betrieb ist so komplex, dass die Umstellung vor Ort besprochen werden muss. Tanne hatte sich für Bioland entschieden und ist seit der Umstellung Mitglied des Verbands. Jetzt produziert er unter anderem für die Erzeugergemeinschaft Öko-Korn-Nord.

Natürlich müsse man der ganzen Idee der ökologischen Landwirtschaft geneigt sein, um sich für eine Umstellung zu entscheiden, sagt Anna Maria Häring von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde. „Es ist eine ganz andere Betriebs- und Bewirtschaftungsphilosophie, bei der man den Betrieb als Organismus sieht.“ Die ökologische Landwirtschaft ist eine Kreislaufwirtschaft: Der Bauer kauft keine Nährstoffe oder Futtermittel ein, sondern stellt möglichst alles im Betrieb selbst her. Marcus Tanne sagt: „Es waren schon sehr gemischte Gefühlte, ob man dieser Aufgabe gewachsen ist." Für seinen ökologischen Betrieb muss er jetzt viel weiter in die Zukunft planen, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten.

Wenn es einmal doch Schwierigkeiten gibt, kann Marcus Tanne sich auf die Hilfe anderer Bio-Betriebe verlassen. So wie im vergangenen Jahr, als das Hochwasser seinen Betrieb überflutete. Die Hilfsbereitschaft der Biobauern sei enorm gewesen, sagt Tanne. „Heute noch, wenn das Futter knapp wird, kann ich sie anrufen und die fahren mir das Futter bis vor die Haustür.“ Es sei ein ganz anderes Gefühl als zuvor, ein besserer Zusammenhalt, der sich ihm mit der ökologischen Landwirtschaft eröffnet habe.

Erstinformationen zur ökologischen Landwirtschaft gibt es in Form einer Beratung meist bei den Landwirtschaftskammern der Bundesländer – doch nicht jedes hat eine Kammer. Erstgespräche bieten auch die Erzeugerverbände an. Für die Bauern sind sie in der Regel kostenfrei. Die folgende Anschlussberatung wird durch das „Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft“ gefördert, mit 50 Prozent der Beratungskosten - bis 2000 Euro.

Mit persönlichen Besuchen und Beratungen per E-Mail und Telefon unterstützt der Berater den Landwirt bei den betrieblichen Änderungen. Berater Uwe Becherer ist bei Bioland für die Umstellungen im Ostteil des Landes zuständig und hat auch Marcus Tanne begleitet. Er sagt: „Nach zwei Jahren Umstellung ist das Highlight meistens der Moment, in dem der Landwirt seine erste Bioware verkauft." Immerhin erzielen die Bioprodukte höhere Preise. Bei der Umstellung muss sich der Landwirt zunächst auf geringere Ernten einstellen – dabei gilt die Ware im ersten Jahr noch als konventionelle Ware, im zweiten als Umstellungsware und erst nach 24 Monaten als Bioware. Und die ist begehrt – auch im Zusammenhang mit der Grünen Woche wird viel darüber diskutiert, dass immer mehr Verbraucher „bio“ kaufen.

Marcus Tanne hat seinen Betrieb 1999 von seinem Großvater übernommen. Zunächst hat er ihn im Nebenerwerb geführt. Inzwischen ist der Betrieb von fünf Hektar und vier Kühen auf 120 Hektar und mehr als 70 Rinder angewachsen. Seit 2010 ist Tanne Landwirt in Vollzeit, nachdem er zwei Jahre lang an der Landwirtschaftlichen Fachschule in Haldensleben den Abschluss zum Agrartechniker gemacht hatte. Dort lernte er einen Landwirt kennen, dessen Vater den Betrieb bereits auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hatte. Nach und nach reifte die Idee in Marcus Tanne, es selbst einmal damit zu versuchen. Der befreundete Landwirt organisierte ein Treffen mit Berater Uwe Becherer.

Auf welchen Verband letztlich die Entscheidung fällt, macht zwar einen Unterschied, ist aber häufig auch eine Frage der Kontakte. Martin Lambers, Berufsbildungskoordinator des Deutschen Bauernverbands, verweist auf Unterschiede in der Lehre und in den Anbauweisen. Demeter etwa liefert mit der biologisch-dynamischen Lehre einen ganzen weltanschaulichen Hintergrund in Anlehnung an den Anthroposophen Rudolf Steiner. „Landwirtschaft ist eben auch ein persönliches Thema“, sagt Lambers. Auch die regionale Verfügbarkeit spielt eine Rolle.

Natürlich könne sich ein Betrieb auch allein von staatlicher Seite kontrollieren lassen, sagt Anna Maria Häring von der HNE. Der Vorteil der Verbände liegt jedoch auch darin, dass die Betriebe auf deren Vermarktungsstrukturen zugreifen können. Denn hier muss der ökologische Landwirt ebenfalls umstellen, um die Produkte auf den Markt zu bringen – ein entscheidender Prozess, wie schon der Name des von Häring geleiteten Bachelor-Studiengangs „Ökologische Landwirtschaft und Vermarktung“ sagt. Daher baut die HNE derzeit auch das Netzwerk Studienpartner Ökobetrieb aus, um den Studenten frühzeitig Kontakte zu verschaffen. Auch gelernte Landwirte sind unter den Studenten. Nach dem Studium gehen sie in der Regel in ein Arbeitsverhältnis in einem ökologischen Betrieb oder sie eröffnen ihren eigenen Betrieb. „Doch Land ist einfach knapp“, sagt Häring. Und schließlich seien Fachkräfte auch in der ökologischen Landwirtschaft stark nachgefragt.

Weil Marcus Tanne Mitglied im Bioland-Verband geworden ist, besucht Uwe Becherer ihn auch weiterhin. Das nächste Ziel des Landwirts ist es, auf Direktsaat umzustellen, das heißt auf die Bodenbearbeitung vor der Saat zu verzichten. Außerdem möchte Tanne seinen Betrieb weiter vergrößern. Er lebt die Bio-Idee durch und durch – auch auf den Essenstisch kommen ihm nur noch Bio-Produkte.

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