Wirtschaft : Neustart mit 100 Jahren

Herlitz hat Geburtstag: Vom Papierhändler zur Aktiengesellschaft, in die Pleite und zurück

Fritz Niemann

Berlin - Der Name Herlitz prägte die Schulzeit der Nachkriegsgeneration im Westteil der Republik wie kaum ein anderer – er stand auf DIN-A-5-Heften, Löschpapierbögen und Aktenordnern, Bleistiften und Schulranzen. Die Firma hat es geschafft, in ihrer 100-jährigen Geschichte so etwas wie ein Symbol für die Berliner Wirtschaft zu werden. 1904 eröffnete Firmengründer Carl Herlitz einen Großhandel für Papier- und Schreibwaren in der Schöneberger Erdmannstraße. Als der Firmengründer im Jahr 1935 aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet, übernimmt sein Sohn Günter das Geschäft. In den Kriegsjahren 1943/44 werden die Firmenräume durch Bombenangriffe völlig zerstört und Günter Herlitz muss von vorne beginnen: Mit einem Fahrrad fährt er selbst Schulhefte aus. Das Geschäft entwickelt sich gut, so dass 1945 in Charlottenburg wieder ein Laden eröffnet werden kann.

Während der Blockade ist Herlitz die einzige von rund 20 Berliner Fachgroßhandlungen, die Ware auf dem Luftweg nach Berlin bringen kann. Damit beginnt die große Zeit von Günter Herlitz: Er fliegt Markenartikel wie zum Beispiel Uhu aus Westdeutschland ein und baut sich so eine führende Rolle in der Branche auf. Im Jahr 1953 ist ihm der Handel nicht mehr genug, und er beginnt, Schulhefte, Zeichen- und Briefblöcke unter eigenem Namen zu fertigen: „Herlitz holzfrei“ wird zum Markennamen.

Das Unternehmen prosperiert, wird 1972 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und im Oktober 1977 an der Berliner Wertpapierbörse eingeführt. Zug um Zug wächst das Unternehmen und verleibt sich Glückwunschkartenhersteller und Schreibgeräteproduzenten ein. In den achtziger Jahren folgt der Aufbau einer eigenen Einzelhandelskette – McPaper – die Schreibwarenläden Konkurrenz machen soll. Im Jahr 1983 nimmt die Herlitz AG in Europa eine führende Position ein, beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von rund 172 Millionen Euro.

Als sich Firmenpatriarch Günter Herlitz im Jahr 1988 aus dem Vorstand und 1995 auch aus dem Aufsichtsrat verabschiedet und seine drei Söhne Peter, Heinz und Klaus fortan die Geschicke bestimmen, gerät der Konzern ins Schlingern. Mit ihrer Expansionspolitik verlieren sie das rechte Maß: Der Bau einer Fabrik und eines Lagers in Falkensee gerät zu groß, der Kauf einer Papierfabrik im russischen Nischnji Nowgorod wird ein Desaster – zudem misslingt der Einstieg ins Immobiliengeschäft. 1997 weist der Konzern einen Verlust von rund 51 Millionen Euro aus. Mit Klaus Herlitz steigt das letzte Familienmitglied aus der Konzernspitze aus.

2001 schließlich hat die Herlitz AG Schulden in Höhe von rund 358 Millionen Mark und wird zu 70 Prozent an ein Bankenkonsortium veräußert. Als die Geldinstitute die Kreditlinien nicht mehr verlängern, stellt die Herlitz AG im April 2002 Antrag auf Insolvenz. Nach erfolgreich durchgeführtem Insolvenzverfahren wird der Konzern umstrukturiert: Der Fokus ist wieder auf das Basisgeschäft gerichtet, defizitäre Tochtergesellschaften werden verkauft. Im vergangenen Jahr erzielte die Herlitz AG mit rund 3000 Mitarbeitern einen Umsatz von 347 Millionen Euro und endlich wieder einen Gewinn von 1,1 Millionen Euro. Vor dem 100. Geburtstag konnte das Aus gerade noch einmal verhindert werden. Der 91-jährige Günter Herlitz lebt heute am österreichischen Wörthersee.

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