Wirtschaft : Neustart nach der Krise

Wie Firmen in Not sich aus eigener Kraft sanieren

Daniel Schmelzer

Einsteigen, ausschlachten, aussteigen – so sanieren nach landläufiger Meinung Finanzinvestoren notleidende Unternehmen. Davon gibt es in Deutschland genug: 2004 mussten 39600 Firmen Insolvenz anmelden. Fehlendes Eigenkapital, Managementfehler oder Nachfolgeprobleme drängten die Firmen ins Aus. Doch nicht alle Sanierungsfälle setzen auf die Hilfe von Finanzinvestoren. Und nicht jede zahlungsunfähige Firma verschwindet von der Bildfläche. Manche Krise wurde für einen Neuanfang genutzt, wie folgende Beispiele belegen:

Herlitz AG. Im April 2002 schien die Berliner Herlitz AG am Ende. Nach verlustreichen Auslandsinvestitionen und gewagten Immobiliengeschäften musste einer der führenden europäischen Hersteller für Papier-, Büro- und Schreibwaren mit rund 350 Millionen Euro Schulden Insolvenz anmelden. Doch das Management wagte als erstes börsennotiertes deutsches Unternehmen die Restrukturierung in Eigenregie. Immobilien wurden verkauft, die Gläubiger verzichteten auf Forderungen in Millionenhöhe. Dank eines tragfähigen Sanierungskonzepts konnte die Zerschlagung verhindert und der Großteil der rund 3100 Arbeitsplätze erhalten werden. Mit rund 335 Millionen Euro lag der Umsatz 2004 zwar um zwölf Millionen Euro niedriger als in 2003, dennoch konnte das operative Ergebnis auf rund 10,2 Millionen Euro gesteigert werden.

Thomas und Kurzberg GmbH. Mit Engagement und einer ungewöhnlichen Initiative sicherten die Mitarbeiter der Bielefelder Thomas und Kurzberg GmbH ihre berufliche Zukunft. Der Druckvorlagenhersteller aus Ostwestfalen war trotz gefüllter Auftragsbücher nach einem Generationswechsel in Turbulenzen geraten. Im Mai 2002 folgte der Gang zum Insolvenzrichter. Mit Unterstützung eines Netzwerks externer Berater nahm die Belegschaft ihr Schicksal in die eigenen Hände. Es wurden neue Marketingkonzepte entwickelt und nach einer anderen Geschäftsform gesucht. Die Hausbank unterstützte die Gründung einer Transfergesellschaft durch drei ehemalige Mitarbeiter. Heute hat sich die Thomas und Kurzberg GmbH wieder solide am Markt positioniert. Ein Umsatz von 1,1 Millionen Euro sicherte im vergangenen Jahr 20 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz.

C. Bechstein Pianofortefabrik AG . Mit rund 23 Millionen Euro Schulden stand die C. Bechstein Pianofortefabrik GmbH 1993 mit dem Rücken zur Wand. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, hatten die Berliner die Produktion ins sächsische Seifhennersdorf verlagert. Doch mitten in der geschäftlichen Neuausrichtung führten die Kosten für die Modernisierung des neuen Standorts und der Unterhalt des nun leer stehenden Gebäudes in der Hauptstadt zum finanziellen Kollaps. 70 Arbeitsplätze waren bedroht. Doch mit Hilfe des Berliner Senats und der Hausbanken wurde der Konkurs abgewendet. Nach der Gründung einer Aktiengesellschaft konnte Bechstein seine Auslandsaktivitäten forcieren. Heute fertigt das Unternehmen mit 230 Mitarbeitern auch preiswerte Klaviere in Indonesien und Tschechien. Durch den Börsengang und eine Überkreuzbeteiligung mit dem koreanischen Musikkonzern Samick sicherte Bechstein die Kapitaldecke weiter ab. Seit 2002 ist der Umsatz auf zuletzt 25,6 Millionen Euro gestiegen.

Hotel Berlin AG. Im Oktober 2003 gingen im fünftgrößten Hotel Deutschlands, dem Hotel Berlin am Lützowplatz, fast die Lichter aus. Das Flaggschiff der so genannten Blue Band Hotels stand nach der überraschenden Insolvenz der Betreibergesellschaft ebenso wie das Mark Apart Hotel, das Berlin Plaza und das Berlin Mark vor dem Aus. Nach einer Neustrukturierung des Geschäftsbetriebes stimmte die Gläubigerversammlung im Herbst 2004 der Übernahme des Aktienkapitals durch die Hauptgläubigerin Berlin Hyp zu. Die rund 200 Arbeitplätze waren somit gesichert. Als letztes der Blue Band Hotels fand das 700-Betten-Haus im Februar mit der Azure Properties Berlin GmbH einen neuen Besitzer.

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