Wirtschaft : New Economy: Am Neuen Markt haben Milliarden den Besitzer gewechselt

Henrik Mortsiefer

Die seit einem Jahr andauernde Talfahrt der Aktienkurse lässt bei vielen Anlegern die Frage aktuell werden, was aus dem Geld geworden ist, das sich in ihren Depots scheinbar in Luft aufgelöst hat. Beim Blick zurück wird das Ausmaß der Verluste deutlich: 315 Milliarden Mark wurden binnen zwölf Monaten allein am Neuen Markt vernichtet. Am 10. März 2000 erreichte die "Wachstumsbörse" ihren Gipfel. Der Nemax-All-Share-Index, der alle damals 229 notierten Unternehmen zusammenfasste, notierte bei 8559 Punkten. Alle Unternehmen zusammen hatten einen Börsenwert von 234 Milliarden Euro erreicht. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt Österreichs. Was danach passierte, ist bekannt. Die Spekulationsblase platzte, die Anleger erlebten einen Crash auf Raten. Am vergangenen Freitag schloss der Nemax-All-Share bei 1543 Zählern. Der Börsenwert der heute 348 enthaltenen Unternehmen ist auf 73 Milliarden Euro zusammengeschmolzen. Ein Verlust von 82 Prozent.

Zum Thema Online Spezial: New Economy "Das Geld haben jetzt die anderen", beantwortet Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die Frage nach dem Verbleib der Milliarden. Aber wer sind die anderen? Die schlichteste Antwort lautet: Die Verkäufer der Aktien. Wer vor einem Jahr zu Höchstkursen Aktien am Neuen Markt verkauft hat, hat einen stattlichen Erlös erzielt. Ist dieses Geld vor dem Absturz gerettet und in relativ sicheren Anlageformen wie Anleihen geparkt worden, liegt es im Depot des rechtzeitig ausgestiegenen Anlegers. Oder es ist einfach ausgegeben und konsumiert worden.

Ein großer Teil des am Neuen Markt eingesetzten Kapitals ist aber in die Unternehmen geflossen, die im vergangenen Jahr an die Börse gegangen sind. Das Deutsche Aktien-Institut (DAI) hat ausgerechnet, dass die 119 seit Januar 2000 neu am Neuen Markt gelisteten Unternehmen in der Summe 55,5 Milliarden Euro, gut 109 Milliarden Mark, eingenommen haben.

An diesem Emissionserlös beteiligt waren die Emissionsbanken, die die Börsengänge begleitet haben. Zwischen vier und sechs Prozent des platzierten Aktienwertes haben sie im Schnitt an Provisionen kassiert. Schätzungsweise eine Milliarde Euro kam so allein im vergangenen Jahr an allen deutschen Börsen zusammen. Im Idealfall haben die Unternehmen, das Anlegergeld, das in ihre Kassen geflossen ist, investiert oder für Übernahmen verwendet. Im schlimmsten Fall passierte, was mit dem Begriff der Cash-burn-Rate beschrieben wird: Das Kapital ist für sinnlose Geschäftsmodelle verschwendet worden. Oder - zum Beispiel - für den Ferrari des Vorstandschefs. Denn das Kurs-Desaster am Neuen Markt hat bekanntlich nicht alle getroffen. Ein paar clevere Altaktionäre und Gründer haben sich mit dem rechtzeitigen Verkauf ihrer Anteile eine goldene Nase verdient. Im Jahr 2000 verließen mehr als 170 Vorstände ihre Firma. In 128 Fällen verdächtig zeitnah zu Ergebniswarnungen der betreffenden Unternehmen. Aufsehen erregten prominente Fälle wie der des EM.TV-Chefs Thomas Haffa, der nach einer Kapitalerhöhung innerhalb einer vereinbarten Sperrfrist Aktien im Wert von 40 Millionen Mark verkaufte. Haffa ist aber kein Einzelfall, und der Neue Markt keine Ausnahme. Eine Analyse des "Wall Street Journal" und First Call/Thomson Financial hat unlängst gezeigt, dass eine Gruppe von 50 Vorständen und Aufsichtsräten von Nasdaq-Firmen von Oktober 1999 bis Ende 2000 Aktien ihrer Unternehmen im Wert von 100 Millionen Dollar verkauft hat, bevor die Kurse um bis zu 99 Prozent abstürzten.

Wer sein Geld in Aktienfonds investiert hat, musste im vergangenen Jahr nicht ganz so hohe Verluste hinnehmen. Dennoch fällt auch die Performance-Bilanz der meisten Investmentgesellschaften, die im Übrigen gutes Geld mit Ausgabeaufschlägen und Gebühren verdient haben, negativ aus. Die Fondsmanager am Neuen Markt haben deshalb reagiert und ihre Barreserven, also ihre Kassenhaltung, aufgestockt. Durchschnittlich dürften zurzeit acht bis zehn Prozent des Fondsvolumens auf diese Weise geparkt sein. Ein vergleichsweise großer Teil des investierten Anlegergeldes liegt also fest, weil die institutionellen Anleger auf bessere Zeiten warten.

Profitiert haben davon vor allem Geldmarktfonds, die ihre Mittel kurzfristig auf Konten für Tages- oder Monatsgeld parken. Im Januar und Februar dieses Jahres flossen laut Bundesverband der Investmentgesellschaften (BVI) 2,4 Milliarden Euro in Geldmarktfonds. Eine langfristige Umschichtung des Fondsvermögens von Risikopapieren in festverzinsliche Werte lässt sich ebenfalls aus der Statistik des BVI ablesen.

Für den Kleinanleger, der auf seinen Depotauszügen nur noch rot sieht, dürfte es ein schwacher Trost sein: Solange er seine Aktien oder Fondsanteile nicht verkauft, also die aufgelaufenen Verluste nicht realisiert, ist das Kapital nur auf dem Papier vernichtet. Doch nach Kursstürzen von mitunter mehr als 90 Prozent ist fraglich, ob jemals wieder Einstandspreise erreicht werden. Viele haben zu lange auf eine Erholung der Kurse gewartet. Und sie werden weiter warten müssen. Denn: Der Nemax-All-Share-Index müsste um 455 Prozent steigen, um seinen Zwölf-Monats-Verlust von 82 Prozent auszugleichen und den Höchststand vom 10. März 2000 wieder zu erreichen.

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