Wirtschaft : New Economy: Das große Aufräumen am Neuen Markt

Henrik Mortsiefer

Am Neuen Markt üben sich die Akteure in Selbstkritik. Nach der am Freitag bekanntgegebenen Entscheidung der Deutschen Börse AG, Billig-Aktien vom Parkett zu verbannen, räumen Fondsmanager, Banker und Analysten freimütig ein, in der Euphorie der New Economy vor allem an eines gedacht zu haben: An das Bombengeschäft mit der Gier der Anleger und Vorstände. "Gebt uns eure Aktien", so hätten die Fonds Börsenkandidaten angefleht, erinnert sich ein Manager. Heute werde vor dem Börsengang zuerst gefragt, wieviel Geld ein Unternehmen verbrannt habe. "Fragen, die gestern eine Unverschämtheit waren, gehören heute zum guten Ton", sagt ein Fondsmanager, der ungenannt bleiben will.

Die Experten sind verunsichert und besinnen sich auf alte Tugenden. Die Börse hat - spät und unter öffentlichem Druck - mit den Aufräumarbeiten begonnen, der Neue Markt soll endlich wieder ein besseres Image bekommen. "Wir müssen gemeinsam versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen", sagt Klaus Martini, Leiter des Fondsmanagements für europäische Aktien bei der Investmentgesellschaft DWS. Qualität und noch mal Qualität, heißt es, werde der "Wachstumsbörse" wieder zu neuem Glanz verhelfen. Pleite-Kandidaten und Billig-Aktien - weg damit. Nur die Anleger scheint es wenig zu kümmern: Fluchtartig verlassen sie den Markt. Am Freitag stürzte der Nemax 50 auf ein Rekordtief von 1094 Zählern. Fast 90 Prozent hat der Index seit seinem Höchststand im März 2000 verloren - mehr als alle Technologiebörsen in London, Paris oder New York. Eiszeit für das deutsche Kursbarometer.

"Wo gehobelt wird, fallen Späne"

"Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen", sagt Holger Grawe, der für WestLB Asset Management am Neuen Markt Fonds-Kapital anlegt. Als die Kurse kletterten und das Emissionsgeschäft auf vollen Touren lief, seien alle Beteiligten zu unkritisch gewesen. Da habe sicher auch schon mal der ein oder andere Pleiteunternehmer den Weg an die Börse gefunden. "Wo gehobelt wird, fallen Späne", sagt Axel Pohlücke, der für das Aktienemissionsgeschäft der DG Bank verantwortlich ist. Zu spät habe man "den Umschwung gewittert", räumt der Banker ein.

"Der Rausschmiss der Penny-Stocks ist ein Schritt in die richtige Richtung", begrüßt Fondsmanager Grawe die Entscheidung der Börse. "Aber das geht noch nicht weit genug." Aus Sorge vor einer Prozesslawine, betrete der Veranstalter des Neuen Marktes nur halbherzig juristisches Neuland, kritisieren Beobachter. Erste Reaktionen der vom Delisting bedrohten Unternehmen deuten an, dass die Firmen mit juristischen Mitteln um ihre Existenzberechtigung kämpfen werden. Vergeblich, glaubt Wassili Papas, Fondsmanager bei Union Investment. Der Neue Markt werde jetzt von Unternehmen bereinigt, die ohnehin kein nachhaltiges Geschäftsmodell und keine Zukunft hätten. "Der Druck, den Markt aufzuräumen, war enorm hoch", sagt Papas.

Fondsmanager wie Grawe, Papas und Martini fordern eine schärfere europäische Börsenaufsicht, die - nach dem Vorbild der amerikanischen SEC - staatsanwaltliche Kompetenzen hat und die empfindliche Bußgelder bei Verstößen gegen die Regularien verhängen darf. "Die deutsche Aufsicht hat keinen Abschreckungscharakter", sagt DWS-Manager Martini. "Darüber müssen wir uns jetzt Gedanken machen." Die auf Institutionen wie die Handelsüberwachung oder das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel verteilte Börsen-Kontrolle müsse gebündelt und verschärft werden. Die offene Frage: Wer soll die Börsen-Polizei spielen? "Die Börse selbst kann das nicht", sagt Martini. "Sie liefert nur das Spielfeld, der Schiedsrichter muss ein anderer sein."

Aufsicht ohne Abschreckung

Ob sich der Gesetzgeber bei der anstehenden Reform des Finanzmarktförderungsgesetzes an amerikanischen Verhältnissen und einer zentralen Aufsicht orientiert, bleibt abzuwarten. "Nicht alles, was aus den USA kommt, ist gut für uns", gibt Axel Pohlücke zu bedenken. Als Mitglied des "Primary Markets Advisory Committee", der Arbeitsgruppe der Börse, die jetzt das Penny-Stocks-Delisting beschloss, votiert Pohlücke für schärfere Sanktionen, nicht aber für strengere Regeln. "Die Deutschen sollten statt neuer regulativer Eingriffe in den Markt andere Akzente setzen", meint der Banker und denkt an mehr Transparenz in der Quartalsberichterstattung, höhere Anforderungen an die Börsenprospekte und eine genauere Überwachung der so genannten Lock-up-Fristen, innerhalb derer Vorstände eigene Aktien nicht verkaufen dürfen. "Die Unternehmen müssen am Neuen Markt ihre Zukunftsfähigkeit unter Beweis stellen", sagt Pohlücke. Erst, wenn dies nicht gelungen sei, sollte das Regelwerk Platzverweise vorsehen. Springe die Konjunktur und mit ihr die Börse wieder an, werde sich die Zurückhaltung der Regulierer auszahlen.

Für die Unternehmen, die von Oktober an durch das Penny-Stocks-Raster fallen, könnte der Aufschwung freilich zu spät kommen. Für DWS-Mann Martini kein Anlass für klammheimliche Freude. Die noch kurze Geschichte des Neuen Marktes sei wie im Zeitraffer verlaufen. "Viele hatten einfach nicht genug Zeit, sich zu bewähren."

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