Wirtschaft : New Economy: "Die Politik hat uns gar nicht wahrgenommen"

Antje Sirleschtov

Willi Barz? Wer kennt schon den Gewerkschafter Willi Barz? Schulte, Wiesehügel und Zwickel - so heißen die wichtigen Gewerkschaftsbosse in diesem Land. Doch Barz? Weder seinen Namen noch den seines Gewerkschaftsprojektes Connexx-av hat bisher irgendjemand wirklich interessiert. Dabei ist Barz seit fast zwei Jahren dabei, in Deutschlands Wachstumsbranche Nummer eins die Arbeitnehmerinteressen zu vertreten. Doch die Verantwortlichen in den traditionellen Strukturen in Politik und Gesellschaft, sagt Barz, "die haben uns noch gar nicht wahrgenommen". Wohl gab es erste "beschnüffelnde" Kontakte. Selbst ein Vieraugengespräch mit Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) über Forderungen junger Medien-Leute an das Betriebsverfassungsgesetz hatte Barz unlängst in Berlin. Doch weder in den Volksparteien noch in den Verbänden von Arbeitgebern und Gewerkschaften, sagt er, befasse man sich wirklich ernsthaft mit der New Economy.

Politik und New Economy - das scheinen in Deutschland noch immer zwei Planeten zu sein, deren Laufbahnen sich nur sehr selten näher kommen und deren Bewohner nicht eine Sprache sprechen. Testprojekte, wie Connexx-av, oder so genannte Vorfeldorganisationen (Interessengruppen, die sich im Umfeld der Parteien ansiedeln) sind schon die organisiertesten Strukturen, die sich mit den Bedürfnissen und Nöten der Menschen, die in Softwarehäusern, Internetshops und bei Multimediadienstleistern befassen. Ansonsten wimmelt es bei den Unternehmern der New Economy von losen Interessengruppen, die meist aus rein wirtschaftlichen Gründen entstanden sind, und die sich erst später langsam auch mit Lobbyarbeit befassen, um ihre Interessen den Schaltzentralen der politischen Macht näher zu bringen. Dass ihre Vorstellungen von Arbeitsrecht, Fördermittelverwendung, Zuwanderung oder lokaler Wirtschaftsförderung kaum wahrgenommen werden, ist nur zu verständlich.

Dabei wäre das bitter nötig. Denn es gebe in Deutschland immer mehr Menschen, die aus den klassischen Lebens- und Beschäftigungsmustern herausfallen, sagt Heiko Müller-Nick (38). Monatelang hat sich der Geschäftsführer des Berliner Computersystem-Unternehmens IMP bei den deutschen Parteien umgesehen, weil er "politisch etwas bewegen" wollte. Doch Fehlanzeige. Ob Christ-, oder Sozialdemokraten, ob Grüne oder FDP - "überall dominieren die Lobbyisten der Old Economy". Bei den Liberalen in Berlin ist Müller-Nick hängen geblieben. Hier missioniert er seit Monaten die Thesen vom "Ende der klassischen Muster" und fordert "vernünftige Sachpolitik" statt "parteipolitischen Dogmen-Krieg". Mittlerweile ist der Unternehmer sogar zum stellvertretenden Bezirkschef der Partei im Bezirk Mitte aufgestiegen und bereitet die Gründung einer Vorfeldorganisation vor. Doch noch immer kommt er sich unter den alteingesessenen Parteifunktionären "wie ein Außerirdischer" vor.

Ein Gefühl, dass für Connexx-Gewerkschafter Barz ganz selbstverständlich geworden ist. Klassische Gewerkschaftsfunktionäre, sagt er, könnten überhaupt nicht mit den Mitarbeitern der jungen Medienunternehmen umgehen. Deren Denkstrukturen und Selbstverständnis als Mitarbeiter in einem Unternehmen, an dem sie oft auch beteiligt sind, unterscheiden sich grundlegend etwa von denen in den Werkhallen der Großkonzerne. "Wenn ich vor ein paar Tagen mit der roten Fahne bei Pixelpark aufgeschlagen wäre", sagt Barz, hätte er dort niemals einen Betriebsrat einrichten können. Stattdessen passt Barz seinen Arbeitsstil an: Mit drei Kollegen besetzt er vier Büros in vier deutschen Großstädten, deren Telefonanlagen so miteinander vernetzt sind, dass immer jemand seine Sorgen los wird, von Montag bis Freitag, von acht Uhr morgens bis 19 Uhr abends, und oft auch am Wochenende. "Flexibel wie die New Economy selbst", nennt Barz sein Rezept.

Dem folgen jetzt auch die Organisatoren des Berliner Firsttuesday-Teams, das seit rund zwei Jahren regelmäßig thematische Unternehmertreffen der Start-ups organisiert: Während das Berliner Arbeitsamt noch Fördermittel akquiriert, um High-tech-Spezialisten später umschulen zu können, die in den Unternehmen dringend gesucht werden, treffen sich bei Firsttuesday kommende Woche erstmals Unternehmer, die Fachleute suchen, mit Spezialisten, die gerade ihren Job verloren haben, im selbst organisierten Arbeitsamt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben