Wirtschaft : New Economy: Die Unternehmer von morgen (Leitartikel)

Henrik Mortsiefer

Sie sind deutsche Unternehmer, "neue" deutsche Unternehmer. Die Helden der digitalen Wirtschaft: Friedliche Revolutionäre, die in eine schöne neue Welt aus Fortschritt, Wohlstand und Wachstum aufgebrochen sind. Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir uns beeilen. Sonst sind wir out, "Old Economy".

"New", das sind jene, die im Takt des Internets wirtschaften, die nichts mit Massenproduktion, Blaumännern und Stechuhren zu tun haben, sondern die immer schneller immer komplexere Informationen aus dem Internet ziehen, auswerten und zu Geschäftsideen kondensieren, die sie der Börse anbieten. Und die hat finanziert, was ihr präsentiert wurde. Doch der Kapitalmarkt, der Treibriemen der elektronischen Wirtschaft, zeigt sich plötzlich genervt. Neuer Markt und Nasdaq, wo die Neue Wirtschaft Hausrecht genoss, haben die Technologie- und Entertainment-Aktien kurzerhand vor die Tür gesetzt. Kursverluste statt Mega-Renditen, Pleiten statt Premieren auf dem Parkett. Die immer kürzere "Cash-Burn-Rate" - die Zeitspanne, in der Start-ups das Geld ihrer Geldgeber verpulvern - gilt Kritikern als Indiz für das Scheitern der Netz-Ökonomie. Haben die Skeptiker Recht? Ist die Dot.Com-Manie vorbei und das Bild vom T-Shirt-Unternehmer ein Klischee?

Es spricht vieles dafür, dass uns die New Economy noch eine Weile beschäftigen wird. Sie hat längst das Regelwerk der Marktwirtschaft nachhaltiger beeinflusst und modifiziert als das Lifestyle-Gerede von den Internet-Millionären uns weismacht. Das Nachdenken über neue, ungewohnte Wege des Wirtschaftens hat eben erst begonnen. Die Umsetzung von Innovationen setzt immer zeitraubende Lern- und Anpassungsprozesse in Gang. Das zeigt der Rückblick in die Wirtschaftsgeschichte. Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass wir uns mitten in diesem Prozess befinden: Am Ende des Anfangs eines weitreichenden Wandels der ökonomischen Rahmenbedingungen und Gesetzmäßigkeiten.

Belege dafür lassen sich am Ort des Geschehens - in den Unternehmen - zuhauf finden. Ein Beispiel: Die wissensbasierte Wirtschaft, die an jedem Ort und zu jeder Zeit Zugriff auf Informationen über Märkte, Finanzen und Kunden hat, prägt die "Kultur" in den Unternehmen. Hierarchien werden flacher, Türen bleiben offen, Umgangsformen entkrampfen sich. Es wird seltener über zu hohe Kosten und zu wenig Kapital lamentiert. Manager fragen vielmehr nach ihrer eigenen Führungsqualität: Wie lässt sich die Kreativität meiner Mitarbeiter fördern? Wie rege ich die Neugier meiner Entwickler an? Die Nähe zum Kunden, der starke Markenname, die beste Idee - die "weichen" Erfolgsfaktoren erleben eine Renaissance. Und: Wer als Unternehmer scheitert, erhält eine zweite Chance. Pleitiers tragen nicht mehr den Stempel des Versagers.

Gewiss, die Aufwertung des neuen Unternehmertums setzt nicht gleich die Gewinn- und Verlustrechnung außer Kraft, und sie wirft auch nicht das ökonomische Prinzip über Bord, wonach bei möglichst geringem Input ein möglichst großer Output zu erzielen sei. Die Gewichtung ist eine andere. Was früher als wertloser Marketingzauber verworfen wurde, erhöht in der neuen Arbeitswelt die Produktivität der Mitarbeiter und der Netzwerke, in denen sie verbunden sind.

Dass es nach wie vor handfester, finanzieller Anreize für mehr Kreativität und unternehmerischen Denkens bedarf, liegt auf der Hand. Als Miteigentümer ihres Unternehmens, sei es als Belegschaftsaktionär oder Inhaber von Aktienoptionen, werden Arbeitnehmer in die Verantwortung genommen. Kapital, das die New Economy am Leben erhält, weil es die Verwirklichung neuer Ideen finanziert, zieht auch hierzulande weitere Kreise und bezieht größere Gruppen der Gesellschaft ein, als viele vor Jahren noch zu träumen wagten. Die Deutschen werden ein Volk von Aktionären. Und viele haben schon verstanden, dass nicht jedes Unternehmen das Geld wert war, welches die Neubörsianer ihm anvertraut haben. Wir beginnen, aus unseren Fehlern zu lernen. Das erste Kapitel der New Economy ist geschrieben.

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