Wirtschaft : New Economy: Fondsmanager setzen auf die Marktführer

Veronika Csizi

Es war - und ist - der Gau. An den Börsen ist das Internet praktisch tot. Da ist kaum eine Aktie, die seit vergangenem Frühjahr nicht 80, 90 oder gar 95 Prozent ihres Wertes verloren hat. Rasiert wurden nicht nur die kleinen Start-ups und Dot.coms, auch die Internet-Riesen warfen die Anleger, nach zwei Jahren exorbitanter Kursgewinne, reihenweise aus ihren Depots: E-Commerce-Gigant Amazon notierte vor 15 Monaten noch bei 106 Euro, jetzt sind es zwölf Euro. Der Kurs des Netzwerkers Cisco, ehemals an der Börse mehr wert als Daimler-Chrysler, Ford, General Motors, Renault, VW, Fiat und Porsche zusammen, wurde ebenso gevierteilt wie der von Server-König Sun Microsystems. Internet-Dino Yahoo ging um 90 Prozent in die Knie. Anlegergelder von mehr als einer Billion Dollar wurden mit Internet-Aktien vernichtet. Inzwischen scheuen die Investoren Internetaktien wie der Teufel das Weihwasser.

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Zu Recht? Oder gibt es Papiere, die wieder realistisch bewertet sind, so dass sich ein Investment lohnt? Volker Kuhnwaldt meint: Ja. Der Manager der Vereinsbank-Tochter Nordinvest, der mit dem Nordinternet das Urgestein der deutschen Internet-Fonds managt, ist überzeugt: "Die Bewertungen sind am unteren Ende angelangt." Für aussichtsreich hält Kuhnwaldt die Branchen E-Commerce, Software und Infrastruktur.

Während die Aktienkurse zu Zwergen mutierten, entwickelte sich das weltumspannende Netz zum Giganten. Mit 24,2 Millionen sind inzwischen 34 Prozent mehr Deutsche online als noch vor sechs Monaten. Die Umsätze über das Web sollen sich von 8,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr bis 2003 knapp verzehnfachen. In den USA explodierte die Zahl der Breitbandzugänge zur schnelleren Datenübertragung binnen eines Jahres um 150 Prozent.

Auf die großen Marktführer im Internet setzt auch Martino Perkmann. Der Manager des Deka-Internet-Fonds zählt den weltgrößten Internet-Provider AOL, den Marktführer für Netzwerk-Speicher EMC sowie Microsoft, Veritas, Checkpoint, Siebel und Sun Microsystems zu seinen größten Positionen - und Cisco. Der König des Internets, ohne dessen Netzwerke das Web nicht funktionieren würde, mußte gerade zum ersten Mal seit sechs Jahren einen Rückgang seines Quartals-Wachstums von zwölf auf null Prozent bekannt geben. Cisco-Chef John Chambers befürchtet sogar drei weitere äußerst schwache Quartale. Kuhnwaldt dagegen bevorzugt Cisco-Konkurrent Juniper Networks, die schneller wachsen und ihre Gewinnprognosen je Aktie gerade um 30 Prozent angehoben haben. "Der Kurs hat bei einer Trendwende viel mehr Potenzial", sagt Kuhnwaldt.

Eine Lieblingsaktie vieler Fondsmanager ist Bea Systems. Auch das Brokerhaus Lehman Brothers hat das Software-Unternehmen gerade auf "strong buy" gesetzt. Vereinfacht ausgedrückt kümmert sich Bea um die Verbindung älterer Computernetze mit der neuen Onlinewelt. Das Unternehmen erzielt einen Gewinn von 10 US-Cents je Aktie und ist nach Meinung der Lehman-Analysten mit einem Kursverlust von 50 Prozent zu Unrecht in die Tiefe gerissen worden. Perkman hat für seinen Deka-Fonds gerade weitere Bea Systems-Aktien zugekauft. Auch bei den anderen großen Werten habe er in den vergangenen zwei Wochen alte, höhere Kaufkurse verbilligt. Mit den Software-Unternehmen Veritas und Checkpoint, die laut Prudential Securities über solide Geschäftsmodelle und sichere Zukunftsausichten verfügen, sind im Februar und März "die letzten heiligen Kühe des Internets geschlachtet" worden.

Der Deka Internet-Fonds hält weiter eine hohe Bargeldquote von fünf bis zehn Prozent. Perkmann und Kuhnwaldt sind sich einig: Mindestens für drei weitere Monate bestehe für Anleger kein zwingender Handlungsbedarf. "Die Internets werden in einer Handelsspanne bleiben", sagt der Perkmann. Der Internet-Index, von über 500 auf knapp 80 Punkte eingedampft, werde seine alten Hochs vorläufig nicht erreichen. Chambers Prognose von einem weiter schwachen Jahresverlauf stimmt auch Kuhnwaldt zu. Allerdings nehme die Börse einen Aufschwung immer fünf bis neun Monate vorweg: "Im zweiten Halbjahr geht es wieder aufwärts".

Nicht einig sind sich die beiden Fondsmanager bei der Einschätzung der erfolgreichen Zukunftsbranchen. Aus den Bereichen E-Commerce und Content, also Firmen, die das Internet mit Inhalten füllen, habe er sich "fast komplett verabeschiedet", sagt Perkmann. Amazon oder Yahoo suche man im Deka Internet vergeblich. Der Grund: Die meisten Firmen aus diesem Bereich verfügten "nicht über überlebensfähige Geschäftsmodelle". Kuhnwaldt hingegen glaubt, dass Online-Händler Amazon, derzeit noch tief in den roten Zahlen, "in der Lage sein wird, Geld zu verdienen." Auch Yahoo werde es gelingen, den mit 90 Millionen Usern größten Kundenstamm der Welt gewinnbringend zu nutzen. "E-Commerce", sagt der Nordinternet-Manager, "ist noch längst nicht tot". Zwar werde es unter den Unternehmen der zweiten und dritten Reihe noch zahlreiche Todesfälle geben. Aber: "Das gibt es in der Bäcker-Branche auch." Internet-Staranalyst Henry Blodget ist da skeptischer. 75 Prozent aller Dot.com-Unternehmen, so glaubt der Fachmann von Merrill Lynch, "verschwinden in den nächsten drei Jahren von der Bildfläche." Vergangenes Jahr haben weltweit etwa 210 Internet-Start-ups Konkurs angemeldet.

Vom deutschen Wachstumssegment und seinen Internet-Aktien lassen die meisten Fondsmanager ihre Finger. Kuhnwaldt etwa hat Intershop, Sinner-Schrader und Brokat verkauft, hält am Neuen Markt nur noch Tomorrow. Einziger potentieller Kaufkandidaten sei Brokat. Man müsse allerdings "warten, bis sich der Pulverrauch verzogen hat."

Kommt also die Wiederauferstehung der Internets zu alter Stärke? Das US-Meinungsforschungsinstitut IDC sieht schwarz: "Eine neue Generation von Investoren und Marktanalysten ist derart ernüchtert", dass sich die Internets nach dem Crash "auf Jahre" nicht mehr erholen dürften. Im Fondsmanagement von Deka und Nordinvest ist man da optimistischer: Mit der Erholung der Konjunktur werde auch unter Investoren wieder Ruhe einkehren. Bei vielen Internet-Unternehmen sei das schwieriger als in andern Bereichen der New Economy: Denn "das Besitztum dieser Firmen", flachst Kuhnwaldt, "sind die Leute. Gehen die abends um acht nach Hause, dann ist das Unternehmen über Nacht pleite."

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