Wirtschaft : "New Economy": Internet wird überschätzt (Interview)

Herr Krugman[der deutsche Wirtschaftsminister Wer]

Paul Krugman (47) ist einer der weltweit renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler. Der Außenhandelsexperte lehrt an der Universität Princeton und war zuvor lange Jahre am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und Berater von US-Präsident Ronald Reagan.





Herr Krugman, der deutsche Wirtschaftsminister Werner Müller verspricht sich von den Effekten der so genannten "New Economy" hier zu Lande ein lang anhaltendes Wachstum wie in den USA. Zu Recht?

Das bezweifle ich. Generell wird die "New Economy" überschätzt - sie macht nur etwa zehn Prozent der US-Wirtschaft aus. An der "New Economy" gibt es nur zwei wirklich neue Dinge: Erstens ist der Wettbewerb schärfer als je zuvor. Früher änderten sich die Positionen im Markt kaum. Heute kann ein Unternehmen mit einem neuen Produkt blitzschnell zum Marktführer werden. Zweitens hat sich die Marke, bei der Wachstum zu Inflation führt, nach oben verschoben. Wir haben jetzt ein Wachstum von 3,5 bis vier Prozent ohne Inflation. Wächst die Nachfrage stärker oder sinkt die Arbeitslosigkeit unter vier Prozent, kann sich das schnell ändern. In den letzten sechs Monaten sind die Grenzen sichtbar geworden.

Wird die "New Economy" tatsächlich unser Leben einschneidend verändern?

Ich bin pessimistisch, was solche Prognosen angeht. Ich glaube nicht, dass das Internet die Abläufe derart verändern wird, wie es der elektrische Strom oder der Verbrennungsmotor zu Beginn des 20. Jahrhunderts getan haben. Sicher, das Internet ermöglicht Effizienzgewinne. Aber die sind nicht vergleichbar mit den damaligen Erfindungen.

Was ist mit der "Old Economy" - wird sie bald nur noch am Rande eine Rolle spielen?

Wenn man darunter den klassischen Industriearbeiter versteht, auf jeden Fall. Die meisten Jobs werden in den nächsten 30 bis 40 Jahren im Dienstleistungssektor entstehen - das ist aber mehr als die "New Economy". Ich glaube nicht, dass in Zukunft jeder Arbeitnehmer Webseiten designen wird.

In den USA funktioniert die "New Economy" weitaus besser als in Europa. Warum?

So groß sind die Unterschiede zu Europa nicht. In einigen Bereichen liegen die Europäer sogar vorn, etwa beim Mobilfunk. Ich denke, der Vorsprung der Amerikaner beträgt höchstens ein bis zwei Jahre. Das starke Produktivitätswachstum begann dort erst 1995/96. Natürlich hat auch der einfachere Zugang zu Risikokapital den Vorsprung der USA begünstigt, ebenso wie niedrige Telefonkosten. Die Gründe, warum Europa zurückfiel, sind vielfältig. Einer ist, dass es immer mehr Teilzeitarbeiter gibt - dadurch steigt zwar die Beschäftigung, es sinkt aber die Produktivität. Ein anderer ist, dass viele Bereiche überreguliert sind. Die neue Technik ist zwar vorhanden, aber man lässt sie nicht voll zur Anwendung kommen.

Gibt es auch ein kulturelles Problem? Haben die Europäer ein Problem mit Innovationen?

Nicht generell; die Schweden etwa haben die neuen Techniken begeistert aufgenommen. Generell gilt, dass der Wettbewerb in den USA schärfer ist, die Chancen für Jungunternehmer besser sind und der Staat alte Industrien nicht protegiert. Aber durch den Binnenmarkt sind auch in Europa ähnliche Entwicklungen zu beobachten.

Was muss der Staat tun, um den Strukturwandel hier zu Lande anzutreiben und neuen Ideen schneller zur Marktreife zu verhelfen?

Aktiv sollte er wenig tun, höchstens Regulierungen abschaffen. Wichtig ist die Bildungspolitik. Das deutsche Hochschulsystem hinkt dem amerikanischen um 50 Jahre hinterher. Einwanderung ist ein weiterer Punkt: Im Silicon Valley wird ein Drittel der neuen Firmen von Indern gegründet, die sich niederlassen und nicht nach fünf Jahren wieder gehen wollen, wie es Deutschland plant. Hinzu kommt der überregulierte Arbeitsmarkt mit den starken Gewerkschaften. Seit in den USA der Transportsektor dereguliert und die Gewerkschaften entmachtet wurden, boomt die Branche.

Die neunziger Jahre waren das Jahrzehnt Amerikas mit einer beispiellosen Prosperität. Kann die erste Dekade des neuen Jahrtausends den Europäern gehören, wenn sie die Strukturreformen weiter vorantreiben?

Eigentlich müsste das so sein. Aber die volkswirtschaftlichen Daten deuten noch nicht darauf hin. 1999 wuchs die US-Wirtschaft um fünf Prozent mit einer Arbeitslosigkeit von vier Prozent - das Wachstum ging also auf das Konto der Produktivität. Europas Volkswirtschaften wuchsen um drei Prozent, und die Arbeitslosigkeit sank deutlich. Die Produktivität liegt also weit unter der amerikanischen. Der Vorsprung der USA wird sich den Indizien zufolge in den nächsten Jahren sogar noch vergrößern.

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