Wirtschaft : New Economy: Irrwitzigen Gewinnen folgten herbe Verluste

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Sektkorken dürften kaum knallen, wenn der Neue Markt der Frankfurter Börse am Sonnabend vier Jahre alt wird. Das Börsensegment für Wachstums- und Technologiewerte fiel zuletzt vor allem durch Hiobsbotschaften auf. Leere Versprechungen, Umsatzwarnungen, frisierte Bilanzen und erste Pleiten halten Anleger seit Monaten in Atem. Die Kurse einstiger Börsenlieblinge wie EM.TV oder Intershop stürzten ins Bodenlose.

Die Liste der Flops ist erschreckend lang. Seit dem Top am 10. März des Vorjahres büßten allein 46 der mehr als 300 Aktien im Nemax All Share Index 90 Prozent und mehr ihres Kurswerts ein. Der schwindelerregend langen Liste von Verlierern stehen nur elf Gewinner gegenüber. Kein Wunder, dass die Kurve des Aktienbarometers Nemax All Share, der alle deutschen Wachstumsunternehmen vereint, seit einem Jahr nur noch in eine Richtung zeigt: nach unten. Es gibt also wenig Grund zu Ausgelassenheit und Freude zum vierten Geburtstagsfest. Statt der üblichen Jubelchöre dürfte das laute Protestgeschrei wütender und enttäuschter Aktionäre zu vernehmen sein. Denn die Mehrzahl der Kleinanleger, vor allem jene die erst spät auf den Neuen Markt setzten, sind die Dummen.

Der Marktplatz für Hoffnungswerte hat aber auch glückliche Zeiten gesehen. Nach dem Start am 10. März 1997 wagten immer mehr Firmen den Gang auf das Parkett - rund 340 werden bis heute gezählt. In den ersten drei Jahren bescherte das neue deutsche Börsenwunder mutigen Investoren einen Gewinn von 700 Prozent. Vor zwölf Monaten feierte das Wachstumssegment seinen dritten Geburtstag auf dem absoluten Höchststand von 8583,34 Zählern. Der Neue Markt und sein großer US-Bruder Nasdaq schienen unaufhaltsam nach oben zu klettern. Nun ist der alle Aktien umfassende Nemax-All-Share-Index unter 2000 Punkte getaucht. Die unsanfte Landung aus den luftigen Höhen des Spekulationshimmels auf dem harten Boden der Börsenrealität erschütterte das Vertrauen der Anleger.

Alle Marktgesetze schienen am Neuen Markt lange Zeit außer Kraft gesetzt. Nichts war einfacher, als schnell an Geld zu kommen: Kaum mehr als eine gute Geschäftsidee war nötig, und schon floss das Kapital der Anleger in Strömen. Neuemissionen waren regelmäßig überzeichnet. Und wer als Investor so glücklich war, Aktien zugeteilt zu bekommen, schien fast schon eine Lizenz zum Gelddrucken gewonnen zu haben. An eine langfristige Anlage dachte dabei kaum einer: Das Interesse galt allein dem schnellen Gewinn.

Grafik:
Nemax und Nasdaq
Werte am Neuen Markt

In der Aufbruchstimmung und Euphorie wurde auch so etwas wie eine neue Börsensprache erfunden: Die Aktienkurse mussten nicht länger die Substanz der Unternehmen widerspiegeln, sondern sollten nur noch "sexy" sein. Unternehmenschefs gebärdeten sich wie Popstars und Analysten wie Medien spielten meist mit. Wichtig war eine viel versprechende "Story". Die Anleger bissen an: Die Kurse erklommen schwindelerregende Höhen, das Wachstum schien unaufhaltsam. Firmen der so genannten "New Economy" hatten durch die aufgeblähte Spekulationsblase nicht selten einen Börsenwert weit über dem großer und profitabler Konzerne.

Dass mit aufgenommenem Kapital zumindest mittelfristig auch Gewinne erwirtschaftet werden müssen, schien lange Zeit keine Rolle zu spielen. Zu hohe Ergebnisprognosen, von Aktionärsschützern bemängeltes Missmanagement und Vermutungen um geschönte Zahlen und möglichen Betrug wie beispielsweise im skandalträchtigen Fall des Software-Anbieters Infomatec schickten die Kurse in den Keller und ließen die Euphorie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres in tiefe Depression umschlagen.

Als Paradebeispiel für Aufstieg und Fall am Neuen Markt gilt die Geschichte von EM.TV: Als einer der ersten dort gehandelten Werte verzeichnete die Aktie des Münchner Filmrechtehändlers innerhalb kurzer Zeit eine Kursexplosion von mehreren tausend Prozent. Wer zum Börsenstart für 5000 Mark Aktien gekauft hatte, war wenig später Millionär. Jedenfalls auf dem Papier. Wer nicht rechtzeitig verkaufte, sah sein Geld seit Mitte des vergangenen Jahres dahinschmelzen.

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Viele Börsenneulinge, die in Zeiten ständig steigender Kurse zu selbsternannten Börsenexperten wurden, stehen vor einem Scherbenhaufen. Klagen enttäuschter Aktionäre sind längst anhängig. "Das Vertrauen ist erst einmal zerstört", sagt Klaus Nieding, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Das dürfte auch für die hochbezahlte Zunft der Analysten gelten: Deren Rolle war vielfach kritisiert worden. Trotz allen Expertenwissens hatten sie vielfach mit ihren Prognosen weit neben der tatsächlichen Entwicklung der Unternehmen und ihrer Aktienkurse gelegen und damit Anleger zum Kauf animiert. Auch Pleitekandidaten waren darunter.

Unfreiwillig vom Börsenzettel am Neuen Markt gestrichen wurde vor kurzem als erstes das insolvente Telekom-Unternehmen Gigabell. Und der Chef von Neuer-Markt-Pionier MobilCom, die am 10. März 1997 als erstes Unternehmen notiert worden war, Gerhard Schmid, denkt mittlerweile sogar über einen freiwilligen Rückzug nach. Seine Unschuld jedenfalls habe der Neue Markt an seinem vierten Geburtstag längst verloren, sind sich die Experten einig.

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