Wirtschaft : New Economy nach dem Crash: Der Weggefährte der Berliner Börse

Martina Ohm

Was bleibt von der New Economy nach dem Crash? War die Vision einer vernetzen Wirtschaft eine spekulative Blase? In Berlin vollzieht sich der Wandel im Zeitraffer. Unserer Serie dokumentiert, wie Unternehmer, Kreative und Financiers mit der Krise umgehen und wer die Ideen für die Zukunft hat. Die nächste Folge: New Economy und Politik.

Der Mann wirkt bescheiden, einer der anderen lieber den Vortritt lässt. Doch wenn Holger Timm redet, hat er eine besondere Geschichte zu erzählen. Seine Story ist die der Berliner Börse - und sie ist noch nicht zu Ende. Dort, wo er in den 80er Jahren als Jura-Student bei einem Makler anheuerte, zieht er heute die Fäden. Der 43jährige Unternehmer verhalf der verschlafenen Berliner Börse zu neuem Ansehen, gründete eine eigene Bank und zimmerte einen Finanzkonzern, der zum Aushängeschild der Berliner New Economy-Szene avancierte, noch bevor dieser Begriff überhaupt in aller Munde war. Zwar gehört das Timm-Imperium seit vergangenem Mai zu 53 Prozent dem 32jährigen Karl Matthäus Schmidt, der seit sechs Jahren als Discount-Broker günstige Wertpapiergeschäfte per Fax und Computer anbietet und sich in Kürze zum größten deutschen Online-Broker, Consors, mauserte. Doch das ist nicht mehr als ein neues Etikett - ohne Timm wäre der Berliner Finanzplatz im Dornröschenschlaf versunken.

Als Hilfskraft im Berliner Maklergeschäft lernte Timm rasch, fand seine Nische. "600 Mark gabs damals," sagt er. Ein Schmunzeln huscht über das Gesicht. Über Geld redet er in dieser Form heute nicht mehr. Selbst jetzt, nachdem der massive Einbruch der Technologiewerte am Neuen Markt gezeigt hat, dass die Bäume an der Börse nicht in den Himmel wachsen, wirkt der Mann gelassen. Schwierige Situation nahm er schon immer als Chance wahr. 1986 besaß er seine eigene Maklerfirma für den Handel im Freiverkehr, der er den entsprechenden Namen gab: Berliner Freiverkehr (Aktien) AG. Mit US-Technologiepapieren lockte er die Kundschaft. Nicht nur mit Microsoft - alle der damals gut 5000 Nasdaq-Titel brachte Timm in den Berliner Handel. Heute stammen von den 10 506 Aktien, die am Berliner Platz zu erwerben sind, allein 10 249 Werte aus dem Freiverkehr."Der Durchbruch kam mit den Online-Brokern," sagt er, "für die nur der Preis und die freie Wahlmöglichkeit zählt". Heute kontrolliert Timm bis zu 75 Prozent des Geschäftes.

Mit dem Erfolg wuchsen Motivation und Ziele. "Irgendwann bekommen die Dinge eine Eigendynamik," sagt er und dass er immer auch die Verpflichtung gespürt hat. Bis heute. Der CDU-Mann setzte in Berlin längere Handelszeiten durch, brachte als Makler zahlreiche Newcomer an die Börse und gründete schließlich eine eigene Bank, für die er sogar Profis etablierter Institute gewinnen konnte. Eine breite Basis, um auch einmal Rückschläge in Teilbereichen verkraften zu können. In nur zwei Jahren wurde aus der kleinen Maklergesellschaft eine ernstzunehmende Finanzholding namens Berliner Effektengesellschaft (BEG) mit einer Maklerfirma, einer Bank und einer Beteiligungsgesellschaft. Schlag auf Schlag folgten die Beteiligung an einer US-Investmentbank und der Einstieg ins Internet-Aktiengeschäft - rund um die Uhr.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Bis heute wird Timm nachgesagt, durch Insiderinformationen in einem Fall 1998 unrechtmäßig profitiert zu haben. Zwar endeten die Untersuchungen mit einem Feispruch der Frankfurter Staatsanwalt. Doch er ist betroffen. "Gerade weil da nichts dran war, ärgert mich so etwas besonders." Timm - eine Spielernatur? Er spielt zwar gern und pokert auch. Doch Spielcasino-Finanzen - damit will er nicht in Verbindung gebracht werden. Auch nicht mit den üblen Auswüchsen der New Economy. "New Economy erschöpft sich nicht in lächerlichen Umsätzen und hohen Verlusten", sagt er. "Es kennzeichnet die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und den wirtschaftlichen Erfolg nicht aus dem Auge zu verlieren." Wie BEG, wie Consors. .

Mit dem Diskount-Broker Consors, der der BEG den nötigen "Orderflow" und einen internationaleren Auftritt verschafft, will Timm in Berlin einen Online-Aktienhandel für Privatanleger aufbauen; eine Online-Börse also. Zum jeweils besten Kurs und zu den niedrigsten Kosten. Der Einbruch an den Märkten irritiert ihn nicht. Für Regionalbörsen wie Berlin sich solche Projekte wohl die einzige Überlebenschance. Auch in der Hauptstadt ist der gute alte Parketthandel, die hektische Betriebsamkeit früherer Tage, schon lange zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Nischenpolitik, Spezialisierung, größtmögliche Transparenz, zeitgemäße Produkte sollen die Marke Berlin aufpeppen - und Kooperationen mit Partnern, Maklerfirmen, Online-Brokern und Geschäftsbanken immer einen kleinen Vorsprung vor der Konkurrenz sichern. Seit Mai 2000ist die Berliner Börse eine Aktiengesellschaft - Platz für Partner wäre also ausreichend vorhanden.

Doch die Richtigen zu finden, ist nicht so einfach. Der von Consors vor einem Jahr angekündigte "Ausbau zur Leitbörse für Privatanleger" gestaltet sich schwierig. Die vollmundigen Ankündigungen von Consors-Vorstand Reto Francioni vom Mai 2000, in Berlin einzusteigen und die Online-Börse Deutschlands aus der Taufe zu heben, blieben bis heute ohne vorzeigbares Ergebnis. Ob technische Probleme, Zurückhaltung der Kundschaft oder Meinungsunterschiede über die Höhe einer Beteiligung an der Berliner Börse dafür ausschlaggebend sind? Holger Timm hält sich bedeckt. Ohne viel Aufhebens hat er sich eben erst mit Jörg Franke aus dem Vorstand der Deutsche Börse AG einen alten Weggefährten und ausgesprochenen Profi in den Vorstand an die Seite geholt. Zurückgeholt. Denn der 60-jährige Franke, der Mann, dem die Frankfurter Börse ihren Aufstieg zum zweitwichtigsten Handelsplatz Europas verdankt, arbeitete zwischen 1984 und 1988 als Geschäftsführer der Berliner Börse. Er gilt als Vater der Deutschen Terminbörse und setzte sich mit der Eurex, der größten Terminbörse der Welt, ein Denkmal. All das klingt vielversprechend - und so gar nicht nach einem Rückzug.

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