Wirtschaft : New Economy: Schwierige Zeiten für Investor-Relations-Manager

Maren Peters

Peter Nietzold hebt drohend den Finger. "Vor diesen Worten kann ich Sie nur warnen!" Bis vor wenigen Monaten wäre der Finger des Investor-Relations-Fachmanns unten geblieben, hätten Analysten, Investoren und Kleinanleger vor Entzücken das Gesicht verzogen: "Internet-Companys" die sich auf Web-Seiten und in Werbebroschüren als "Weltmarktführer" mit "einzigartigen Lösungen" präsentierten, vollmundig "Quantensprünge" und "Marktexplosionen" ankündigten und sich regelmäßig darüber beklagten, "unterbewertet" zu sein, galten da noch als Unternehmen mit Zukunft. Heute lassen die Investoren das Portemonnaie misstrauisch in der Tasche. Und warten erstmal ab.

"Am Neuen Markt sind doch fast alle Unternehmen Weltmarktführer gewesen", sagt Nietzold, Studienleiter bei der Berliner Agentur media mind AG, vor zwei Dutzend junger Investor-Relations-Manager. "Damit konnte man den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen." In einem drei-Tage-Seminar in Berlin führt Nietzold, unterstützt von Wirtschaftsprüfern, Börsenspezialisten und Werbeexperten, die Nachwuchskräfte in die Kniffe des Berufs ein. Es ist die Zeit der neuen Nüchternheit. "Wenn Sie heute etwas behaupten, sollten sie das belegen können", sagt Nietzold. "Sonst verlieren Sie schnell Ihre Glaubwürdigkeit."

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Die Jungen hören aufmerksam zu. Ihr Job ist es, börsennotierte Unternehmen wie die Erotikkette Beate Uhse, die Internet-Firma Endemann oder das Biotechnologie-Unternehmen Plasma Select so gut wie möglich bei Anlegern und Investoren zu verkaufen.Seit sogar ehemalige Börsenstars wie Cisco, Compaq und Ericsson Gewinnwarnungen herausgeben müssen, weil sie gar zu optimistisch kalkuliert hatten, ist die Arbeit härter geworden. "Wenn der Kurs nur leicht absackt, hab ich bis zu 80 Anrufer in der Leitung, die wissen wollen, was los ist", sagt eine gelernte Volkswirtin.

Auch die Tage, da Ad-hoc-Mitteilungen - eigentlich nur den kursrelevanten Informationen vorbehalten - so großzügig verschickt wurden wie andernorts die Pizza-Werbung, sind definitiv vorbei. "Im letzten Jahr haben wir mindestens alle zwei Wochen eine Ad-hoc-Mitteilung herausgegeben", sagt eine Mitarbeiterin von Endemann. Das hatte dem Suchmaschinen-Anbieter den zweifelhaften Titel "Ad-hoc-Weltmeister" eines Anleger-Magazins eingebracht. "Ob das immer so börsenrelevant war, weiß ich nicht", sagt die Investor-Relations-Frau selbstkritisch.

Seit die Deutsche Börse ihre Anforderungen an Ad-hoc-Publizität und Quartalsberichterstattung deutlich verschärft hat, sind nicht nur die Endemanns vorsichtiger geworden. "Die schlechten Mitteilungen, die nur Marketing waren, sind schon im Herbst auf ein Minimum zurückgegangen", bestätigt Sonja Grabensberger, Ad-hoc-Expertin der Deutschen Börse.

Parallel dazu ist die Angst, des Insiderhandels bezichtigt zu werden, in den Unternehmen gestiegen. Wie schnell man in Verdacht kommen kann, hat die Investor-Relations-Beauftragte einer Lasertechnik-Firma gerade erlebt. Einen Tag vor einer geplanten Ad-hoc-Mitteilung ging der Kurs steil nach oben. "Da liegt natürlich der Verdacht nahe, dass jemand geplaudert hat", sagt Peer-Oliver Schumann von der Deutschen Gesellschaft für Ad-hoc-Publizität. Die junge Frau wehrt das heftig ab. Nicht nur sie muss sich zurzeit mit der Wertpapieraufsicht herumschlagen, auch viele Kollegen sind in Erklärungsnöten. "Sollte sich so ein Verdacht bestätigen, drohen empfindliche Bußgelder", sagt Schumann. Von dem Imageverlust bei den Anlegern ganz abgesehen.

Wie viel sie von ihrem Unternehmen in Quartals- und Geschäftsberichten preisgeben müssen, und was sie für sich behalten dürfen, muss der Investor-Relations-Nachwuchs erst lernen. Was, wenn der Vorstandsvorsitzende privat Aktien verkauft? Muss der Anleger das wirklich wissen? "Das ist eine Gratwanderung zwischen Textil- und FKK-Strand", sagt der gestandene Investor-Relations-Chef eines Neuen-Markt-Unternehmens. "Wie viel man preisgibt, muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden." Auch nach der Regelverschärfung bleibt der Auslegungsspielraum groß.

Wo in den Quartals-, Geschäfts- und Zwischenberichten schlechte Nachrichten versteckt werden können, ist Erfahrungssache. "Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man erreicht sein Ergebnis oder man erreicht es nicht", sagt der Münchner Wirtschaftsprüfer Wolfgang Rappl. "In diesem Fall wird oft gedehnt." Mit anderen Worten: Die Bilanz ein wenig geschönt. Rappls Vertrauen in junge Internet-Unternehmen ist nicht allzu groß. "Es gibt Neue-Markt-Unternehmen, die haben nicht einmal eine Kasse", sagt er. "Wenn Sie das den Aktionären sagen, haben Sie ein Riesenproblem." Rappl weiß, dass er aus den Investor-Relations-Anwärtern in drei Stunden keine perfekten Buchhalter machen kann. Er hat ohnehin ein anderes Ziel. "Ich will Sie mutig machen", sagt er. "Damit Sie ein Gespür dafür bekommmen, wann Sie dem Vorstand auf die Finger hauen müssen."

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