Wirtschaft : New Economy: Vom Jugendwahn zu alten Tugenden

Henrik Mortsiefer

Es ist viel von Übertreibungen die Rede in letzter Zeit. Nach der überschäumenden Euphorie vor einem Jahr stürze nun der bodenlose Pessimismus der Börsianer die gesamte New Economy in den Ruin, heißt es. Für differenziertere Analysen fehlt die Zeit. "So, wie vor nicht allzu langer Zeit noch blind in alles investiert wurde, was ein Dot.com im Firmennamen trug, so treffen wir nun eine allgemeine New-Economy-Vermeidungsstrategie an", warnte in dieser Woche Anna Otto vom neu gegründeten Unternehmensnetzwerk "New Business Network Germany" auf der Cebit. Auch an der Berliner Szene ist die Generalabrechnung der Anleger nicht spurlos vorüber gegangen. Die meisten börsennotierten Unternehmen der Stadt - allein 17 sind am Neuen Markt gelistet - mussten in den vergangenen zwölf Monaten dramatische Kursverluste verkraften. Glaubt man den Börsen, muss die neue Wirtschaft in Berlin und anderswo um ihre Zukunft bangen. Muss sie wirklich?

Zum Thema Online Spezial: New Economy Anfang dieser Woche konnte man im zwölften Stock der Friedrichshainer Oberbaum City - Boomtown der neuen Unternehmer - einen anderen Eindruck gewinnen. Bernd Schiphorst, Medienbeauftragter der Länder Berlin und Brandenburg, hatte zum ersten "New Media Gipfel 2001" geladen, zum "Kick-off für den Medienstandort". Der Anlass: Ein neues Branchennetzwerk - der "newmedia.net berlinbrandenburg e.V." - will die unter Druck geratene Medien-, Internet- und Kommunikationswirtschaft der Region stärken und den Standort über die Grenzen hinaus bekannt machen. Ein Verein für die Not leidende New Economy? "Nein", sagt Schiphorst, "aber Newmedia.net soll das Wir-Gefühl in der Branche stärken." Die Initiatoren, rund 30 Unternehmen von Dooyoo bis Springer, wollen einen Knotenpunkt für Wissen, Erfahrungen und Kontakte in der digitalen Medienbranche Berlins schaffen. Schiphorst wird das Bündnis hauptberuflich mit "politischer Power und Kapital ausstatten" und dafür sorgen, dass Berlin "Hauptstadt der Netzwerke" wird.

Der Optimismus des Medienbeauftragten und anderer New-Economy-Lobbyisten stützt sich auf beeindruckende Zahlen: Nach jüngsten Berechnungen der Industrie- und Handelskammer wächst die IT- und Medienbranche in Berlin nach wie vor stürmisch. Seit Anfang 2000 sind an der Spree mehr als 3400 Unternehmen hinzugekommen. Eine Sonderkonjunktur erlebten dabei die Multimedia- und Internetfirmen, deren Zahl im gleichen Zeitraum von 440 auf 850 wuchs. 10 000 Mitarbeiter zählt allein dieser Wirtschaftsbereich, der einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Mark erwirtschaftet. Doch die Jubelstatistik sagt noch wenig darüber aus, wieviele Geschäftsmodelle die Krise überstehen.

Zählt man nur die schlechten Nachrichten zusammen, die seit Jahresanfang von Berliner New-Economy-Unternehmen wie Pixelpark, Yoolia oder Bmp verbreitet wurden, ist die Perspektive eher düster. Vor allem viele Existenzgründer, die vor ein oder zwei Jahren mit reichlich Startkapital aufgebrochen sind, stecken jetzt in der zweiten oder dritten Finanzierungsrunde fest. In der Studie "One Economy 2 - Die neuen Realitäten" dokumentiert das Beratungsunternehmen Bain, dass die Internet-Gründer, die jetzt noch mit frischem Kapital versorgt werden, einen deutlichen Abschlag in der Bewertung akzeptieren müssen. Die Seed-Capital-Welle, also die frühe Finanzierung von Existenzgründern, ist Bain zufolge abgeebbt.

Der Engpass erklärt sich aus dem Umstand, dass auch diejenigen neu rechnen müssen, die den Gründerboom bisher finanziert haben: die Wagniskapitalgeber. Venture Capital (VC), das gestern noch in Hülle und Fülle vorhanden war, wird heute mit spitzen Fingern verteilt, weil die Erlösmodelle der Finanzierer häufig zeitgleich mit den Träumen der Gründer geplatzt sind. Ein Gang an die Börse, zur Jahreswende 1999/2000 für die VC noch die lukrativste aller "Exit-Strategien", scheidet heute in den meisten Fällen aus. "Wir schauen sehr viel genauer hin", sagt Markus Müller von Blumencron, Geschäftsführer des Berlin Capital Fund (BCF). "2001 werden wir nur ein Unternehmen an die Börse bringen." Die VC-Tochter der Bankgesellschaft ist mit einem Beteiligungsvolumen von 205 Millionen Mark, das sich auf knapp 70 Unternehmen verteilt, einer der größten Risikofinanzierer der Stadt. Der Geldgeber ist begehrt: Allein im Jahr 2000 gingen gut 1300 Finanzierungsanfragen ein - aus 21 wurde eine Beteiligung.

Geschäftsführer von Blumencron ist noch zuversichtlich, dass der Markt nicht ausgetrocknet ist und sich auch in Berlin weitere Gelegenheiten ergeben werden. Ein Pfund, mit dem der BCF wuchern will, ist sein Branchenmix: Neben IT- und E-Commerce-Firmen beteiligen sich die Berliner auch an klassischen Handelsunternehmen sowie Life-Science- und Medizintechnikfirmen. Im laufenden Jahr will der Fonds einschließlich seiner Frühfinzierungs-Tochter Berlin Seed Capital Fund das Beteiligungsvolumen auf 270 Millionen Mark aufstocken, 2002 sollen 335 Millionen erreicht sein. Von Blumencron räumt ein, dass diese Prognose schon ein paar Monate alt und womöglich zu optimistisch ausgefallen ist.

Paradox: Berlin kann sogar dann profitieren, wenn die Großen der Branche sich anderswo niederlassen. So hat die Ansiedlung einer Dependance des spanischen Telekom-Giganten Telefónica in München dazu geführt, dass sich Zulieferer und Telekom-Firmen aus Bayern inzwischen in Berlin nach Standorten umsehen. Der Grund: Telefónica hat den Arbeitsmarkt für Fachkräfte in und um München leergefegt. Die Mittelständler von der Isar hoffen nun, an der Spree die Spezialisten zu finden. Gute Chancen räumt ihnen Thomas Heilmann ein, Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends und in Berlin als "Business-Angel" engagiert: "Die junge Talente sind ein Standortvorteil der Berliner New Economy." Viele Talente sind allerdings auch deshalb verfügbar, weil sie nach der ersten Enlassungswelle einen Job suchen. Aber Heilmann bleibt pragmatischer Optimist: "Das Glas ist halbvoll - es war schon leerer."

Halbvoll oder halbleer: 2001 wird für die deutschen Internet-Start-ups zum "Jahr der Entscheidung", glauben die Berater von Bain. Tugenden der Old Economy wie Kostenkontrolle und Produktivitätsorientierung, effiziente Organisation und vor allem Managementerfahrung würden wieder geschätzt. "Der Jugendwahn ist vorbei."

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