New York : Eine Stadt am Tropf

New York und Wall Street das ist eins. So viel hängt von dieser Straße ab, dass der Stadt durch die Finanzkrise jetzt drastische wirtschaftliche Einbußen drohen.

Matthias B. Krause
Wall Street Foto: AFP
Nervosität an der Wall Street. 23 Prozent der Summe aller New Yorker Einkommen erwirtschaftet die Finanzwelt. -Foto: AFP

New York New York - Das Ungetüm ist kantig und schwarz und sehr teuer. 350 000 Dollar muss hinlegen, wer den Rolls-Royce kaufen will, der da im World Financial Center in New York steht. Die Luxuskarosse ist Teil eines exklusiven Autosalons, der fünftägigen „Motorexpo“, abgehalten ausgerechnet in einer der schwärzesten Wochen in der Geschichte der Wall Street. Und sie steht genau vor dem Haupteingang von Merrill Lynch, jener Investmentbank also, die am Montag ihre Eigenständigkeit verlor und in einem Notverkauf an die Bank of America veräußert wurde. Wie viele der 60 000 Angestellten dabei ihres Jobs verlieren werden, ist noch nicht bekannt.

Wenn die Wall Street niest, bekommt New York einen Schnupfen, heißt es, so sehr ist die Stadt vom Wohl und Wehe an der Börse abhängig. Doch dieses Mal ist es kein Niesen, dieses Mal plagt die Finanzwelt eine handfeste Lungenentzündung. Nachdem Washington viele hundert Milliarden Dollar versprach, um die faulen Immobilienkredite zu kaufen, schoss die Börse zwar zwei Tage nacheinander wieder steil nach oben, aber das heißt wenig.

Von den einst fünf großen, stolzen Wall-Street-Investmenthäusern sind nur noch zwei unabhängig, die anderen mussten sich verschleudern oder Konkurs anmelden. Und die üppigen Boni, die sonst am Jahresende an die Broker verteilt werden, fallen dieses Mal deutlich kleiner aus. 2006 und 2007 waren es nach Schätzung der Stadtverwaltung jeweils rund 33 Milliarden Dollar, nun werden es wohl nur gut 20 Milliarden Dollar sein.

23 Prozent der Summe aller Einkommen in New York erwirtschaftet die Finanzwelt, das durchschnittliche Jahresgehalt der Banker beträgt 280 000 Dollar, fünfmal so viel wie der Durchschnitt aller anderen Branchen in der Stadt. Ein Job an der Wall Street schafft drei weitere im New Yorker Großraum, kalkuliert der Stadtkämmerer. In diesem Jahr fielen 25 000 Arbeitsplätze an der berühmtesten Finanzstraße der Welt weg – noch vor der gerade beendeten schwarzen Woche. Die Arbeitslosenrate sprang von Juli zu August um 0,8 Prozentpunkte auf 5,8 Prozent in die Höhe, der steilste Anstieg seit 30 Jahren. Die Stellenstreichungen bei Lehman Brothers und Merrill Lynch wirken sich erst im kommenden Monat aus. „Das ist fast wie ein Erdbeben“, sagte Rosemary Scanlon, Ökonomieprofessorin an der New York University der „New York Times“, „die Verluste der Arbeitsplätze sind schon schlimm genug. Aber die guten Gehälter, die damit wegfallen, waren lebenswichtig für die Wirtschaft der Stadt.“

Der Stadtkämmerer schätzt, dass New York 50 Millionen Dollar Umsatz verliert, wenn im Finanzsektor 1000 Stellen wegfallen. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, David Paterson, befürchtet, dass in dem Wirtschaftszweig weitere 30 000 Stellen wegfallen. Bürgermeister Michael Bloomberg – selbst einst ein Top-Broker bei Salomon Brothers – versucht zu beruhigen, so gut es geht: „Noch wissen wir nicht genau, was auf uns zukommt.“ Zugleich lässt er durchblicken, dass er eine Krise der Stadt dazu nutzen würde, um sich für sein Lieblingsprojekt stark zu machen: eine dritte Amtszeit.

Die ersten Branchen spüren schon jetzt, dass es enger wird. Anfang der Woche hätten bei ihr eine Reihe von Lehman-Angestellten angerufen und ihre Suche nach Eigentumswohnungen abgebrochen, sagt Pamela Liebman, Präsidentin der Corcoran Group, dem größten Immobilienmakler der Stadt. Andere warfen sogleich ihre üppigen Ferienhäuser in den Hamptons auf den Markt.

Gleich um die Ecke von der Wall Street ist der kleine, feine Juwelierladen „William Barthman“ gänzlich leer. Das mag daran liegen, dass freitags immer alle schnell ins Wochenende wollen, aber Manager Joel Kopel spürt einen Trend: „Die ganz Reichen können sich immer ihre Rolex leisten. Schwierig wird es im mittelteuren Segment, etwa bei Uhren, die zwischen 500 und 2500 Dollar kosten.“ Dasselbe Phänomen hat Michael Johnson beobachtet, Manager der „MillerMotorCars“Gruppe, die den Rolls Royce im Financial Center ausstellt: „Als ich am Montag auf mein Telefon geguckt habe, war der Dow Jones gerade um 350 Punkte in den Keller gerutscht. Aber hier haben wir nichts gespürt.“

Der Kauf so eines Luxusschlittens sei ohnehin eine langfristigere Sache, sagt Johnson. An diesem Freitagabend hat kaum jemand, der aus dem Bürohochhaus kommt, Augen für die Autos. Die Frauen in ihren Kostümen und die Männer in ihren Anzügen nehmen direkt die Rolltreppe ins Erdgeschoss. Nur hin und wieder wagt einer einen Blick auf den silbergrauen Ferrari 612 Scaglietti (Basispreis 270 000 Dollar) oder den rot-schwarzen Bugatti Veyron 16.4 (Basispreis 1,5 Millionen Dollar), die schräg gegenüber des Rolls Royce parken.

Aufsehen erregt der Fisker „Karma“, ein Luxus-Hybrid-Renner, der um die Ecke steht. Ein kleiner Mann mit maßgeschneidertem Anzug wirft einen genauen Blick durch die Fenster. Er habe bereits eine Anzahlung geleistet, lässt er die Verkäuferin wissen. „Auf den da auch“, sagt er und deutet auf einen Maserati Quattroporte S (125 000 Dollar). „Es ist schon ein bisschen komisch, in diesen Zeiten eine solche Luxusshow hier zu haben“, sagt er, „aber alle, die sich solche Autos leisten können, für die ist die Krise keine große Sache.“ Dann steigt er die Treppen zum Wintergarten hinab.

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