Wirtschaft : "Nice guy" im blauen Nadelstreifen

Rolf Obertreis

Die Fliege sitzt genauso korrekt wie das Lächeln. Josef Ackermann fühlt sich sichtlich wohl. Oberbürgermeisterin Petra Roth hat zum traditionellen Bankenabend in den Kaisersaal des Frankfurter Römer geladen. Der künftige Chef der Deutschen Bank und bald mächtigste Banker der Republik ist wenige Tage vor seinem Amtsantritt so selbstverständlich dabei als ob er schon immer dazu gehören würde. Dabei spielt der gebürtige Schweizer erst seit wenigen Jahren in der Frankfurter Finanzszene eine große Rolle.

Am Mittwoch besteigt er den Gipfel. Josef Ackermann soll auf der Hauptversammlung in der Frankfurter Festhalle zum Vorstandssprecher der Deutschen Bank gewählt werden. Der Neue Chef des größten deutschen Geldhauses ist ein umgänglicher Typ, kein steifer Banker klassischer Prägung. Eher ein "nice guy" mit Gesichtszügen, die trotz seiner 54 Jahre manchmal an einen Lausbuben erinnern. "Joe" eben wie er in der Deutschen Bank von vielen genannt wird.

Wirklich Substanzielles erzählt der Schweizer an einem solchen Abend natürlich nicht. So wie er das schon seit September 2000 macht, als ihn seine Vorstandskollegen ungewöhnlich frühzeitig zu ihrem künftigen Sprecher bestimmten. Ackermann überlässt seitdem ganz bewusst seinem Vorgänger Rolf Breuer das Feld. Auch wenn es ihm mitunter schwer fällt. Nur eine Bemerkung kann sich der Schweizer nicht verkneifen: "Unser Aktienkurs muss hoch, der Börsenwert ist zu niedrig, 75 Euro für Deutsche Bank sind zuwenig".

Der Satz ist Kern des Programms, das sich Ackermann auf die Fahnen geschrieben hat und das er als Vorstandssprecher konsequent umsetzen will. Weltweit Platz 21 unter den Banken gemessen am Börsenwert ist ihm zu wenig. Ackermann sieht die Gefahr, dass das Flaggschiff der deutschen Großbanken Opfer einer Übernahme-Attacke werden könnte. Dabei war sie 1994 mal die Nummer eins unter den Banken der Welt, jedenfalls in den Augen der Börsianer.

Ein Schweizer an der Spitze der Deutschen Bank. Keine Revolution, sagt Rolf E. Breuer. Ein tiefer Einschnitt in der 132jährigen Geschichte der Deutschen Bank ist es allemal. Zu seinen Zeiten hätte es so etwas nicht gegeben, schüttelte unlängst der frühere Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians den Kopf. Und dazu noch mit einer Machtfülle, die bislang kein anderer Sprecher genießen konnte. Allenfalls der legendäre Hermann Josef Abs.

Die Deutsche Bank hatte schon vor Monaten das Topmanagement nach angeslsächsischem Vorbild umgebaut - alle Linien laufen seitdem auf den Sprecher der Vorstandes zu. Ackermann, der am 7. Februar 1948 in Mels im Kanton Sankt Gallen geborene Sohn eines Arztes, hatte bei diesem Umbau schon kräftig mitgemischt. Seit 1996 sitzt er im Vorstand der Deutschen Bank. Der damalige Vorstandssprecher und heutige Aufsichtsratschef Hilmar Kopper holte den Investmentbanker von der Schweizerischen Kreditanstalt, nachdem der sich mit Verwaltungspräsident Rainer Gut überworfen hatte. Schon damals zeichnete sich ab, dass der Klavierspieler, Opernliebhaber und ehemalige Top-Athlet bei der Deutschen Bank vor einer großen Zukunft stand. Ihm und Breuer gelang 1999 mit der Übernahme von Bankers Trust für über neun Milliarden Dollar der teuerste, aber auch erfolgreichste Kauf in der Geschichte der Deutschen Bank.

Heute steht das Investmentbanking, das Ackermann verantwortet, für 80 Prozent der Gewinne der Bank. Das weiß Ackermann nur zu gut, das gibt ihm Sicherheit.

Trotzdem soll die Deutsche Bank unter seiner Regie als globale, multikulturelle Universalbank agieren. Die Deutsche Bank 24 - und damit die Privatkunden - wird wieder in den Konzern integriert. Interessant sind vor allem die Reichen dieser Welt. Denn die Verwaltung ihrer Vermögen bringt hohe Gewinne. Gleichzeitig will Ackermann die Kosten drücken, um zwei Milliarden Euro pro Jahr.

Sein Erfolg hat ihm schon lange vor seiner Ernennung zum neuen Chef im September 2000 großen Einfluss verschafft. Zusammen mit den von ihm engagierten Investmentbankern hat er im Frühjahr 2000 die Fusion mit der Dresdner Bank gestoppt. Er fiel damit Breuer faktisch in den Rücken.

Trotzdem gilt das Verhältnis der beiden Männer als gut. Die immer wieder geänderte Organisation der Bank entspricht auch der Forderung Ackermanns. Der Vorstand ist seit Januar nicht mehr das wichtigste Gremium. Entscheidend ist das Executive Commitee. Auch das leitet Ackermann. Dort sitzen nur seine Vertrauensleute. Faktisch wird der Schweizer damit zum Chief Exekutive Officer, zum mächtigen Chef amerikanischer Prägung in einer Bank mit Sitz in Deutschland. Auf seiner Visitenkarte steht denn auch nicht mehr "Vorstandssprecher". Sondern "Chairman".

Ackermann gilt als Team- Arbeiter, der offen und aufrichtig agiert. Er ist konsequent, aber nicht stur. Er trifft harte Entscheidungen, aber erst nach intensiver Beratung mit seinen Mitarbeitern. Allüren sind ihm fremd, er ist freundlich, souverän, aber nicht überheblich. Er tritt zurückhaltender auf als Breuer. Ackermann sagt lieber einen Satz zu wenig, als zuviel. Das kommt an.

Der promovierte Volkswirt will die Deutsche Bank zum weltweit besten Finanzdienstleister machen. Was nicht heißt, dass er die Wurzeln des Instituts vergisst. Ackermann ist ein von angelsächsischen Ideen geprägter (Investment-)Banker. Aber über eine Verlegung des Sitzes der Deutschen Bank hat er nie ernsthaft nachgedacht. Frankfurt und Deutschland ist für ihn andererseits nicht der Nabel der (Banken-) Welt. "Wir sind eine globale Bank", sagt Ackermann.

Die Mehrzahl seiner 90.000 Mitarbeiter hat keinen deutschen Pass, auch die Mehrzahl der Kunden und Investoren. Schon deshalb ist Ackermann viel in London, in New York, in Asien und auch in Australien. In Zukunft wird er mehr in Frankfurt sein (müssen) als bisher. Ungern ist er das nicht, aber auch nicht mit überschwänglicher Begeisterung. Die Stadt gefällt ihm, sagt er höflich. "Ich zahle seit sechs Jahren hier meine Steuern." Seine Familie lebt weiter in Zürich. Ackermann schätzt das Kulturangebot in Frankfurt, auch die Oper.

Aber es könnte mehr sein. So wie in seiner Lieblingsstadt New York.

Chronologie

1945: Die alte Deutsche Bank wird von den Alliierten zerschlagen.

1957: Hermann Josef Abs formt die neue Deutsche Bank und leitet sie ein Jahrzehnt.

1978: Einstieg ins Investmentbanking und spätere Gründung der Deutsche Capital Markets Ltd. in London.

1989: Vorstandssprecher Alfred Herrhausen fällt einem Attentat zum Opfer. Nachfolger Hilmar Kopper kauft die Investmentbank Morgan Grenfell.

1999: Kauf von Bankers Trust für 9,2 Milliarden Dollar.

2000: Die geplante Fusion von Deutscher und Dresdner Bank scheitert.

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