Nicholas Stern, Klimaökonom : "Kernenergie ist eine Option"

Klimaökonom Nicholas Stern spricht mit dem Tagesspiegel über die Zukunft der Atomkraft, die Stimmung nach dem Kopenhagener Gipfel und die Risiken der CO2-Speicherung.

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Nicholas Stern. "CO2-armes Wachstum ist vor allem eine Chance." -Foto: Thilo Rückeis

Lord Stern, was antworten Sie jemandem, der Sie dieser Tage mit der Frage angreift: „Wo bleibt denn die Erderwärmung, die Sie uns versprochen haben?“



So etwas passiert mir tatsächlich oft. Auch im vergangenen Jahr: Da hatten britische Meteorologen einen echten Barbecue-Sommer versprochen. Aber es gab jede Menge Regen. Sofort zweifelten viele Leute, dass es den Klimawandel überhaupt gibt. Ich versuche dann immer möglichst einfach zu erklären, dass der Begriff Klima sich auf langfristige Durchschnittswerte bezieht, das Wetter aber an jedem Tag und Ort anders sein kann.

Wie erklärt man das möglichst einfach?

Ich ziehe Vergleiche. Wenn ich erklären will, was für Folgen ein Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur um drei bis fünf Grad Celsius bedeutet, sage ich, dass es während der letzten Eiszeit gerade mal im Schnitt fünf Grad kälter war als heute. Oder ich vergleiche es mit der Körpertemperatur. Wenn die von 37 auf 40 Grad steigt, hat man ein Problem. Und wenn die sogar auf 43 steigt, dürfte es tödlich enden. Kurzum: Ich fordere meine Mitmenschen auf, sich einen Moment lang mit solchen Fakten zu beschäftigen, und vertraue auf ihr Verständnis, logische Schlüsse daraus zu ziehen.

Glauben Sie, das funktioniert?

Die meisten Menschen lernen über Erfahrungen. Das Problem mit der Erderwärmung aber ist, dass wir nicht warten können, bis jeder dieses Phänomen hautnah erlebt hat. Dann wäre es zu spät. Insofern ist die Klimadebatte ein Test, ob wir als Menschheit insgesamt die Fähigkeit besitzen, Zusammenhänge zu verstehen, die Folgen zu antizipieren und entsprechend zu handeln, bevor der Fall eintritt.

In Kopenhagen scheint der Test fehlgeschlagen zu sein. Wie haben Sie die Stunden nach dem Scheitern des Klimagipfels erlebt?

Erst war ich natürlich frustriert. Aber während des Gipfels hatte es so ausgesehen, dass es gar kein Ergebnis geben würde. Zu viele offene Fragen wurden den Staats- und Regierungschefs überlassen, von denen die meisten ja erst in den letzten 48 Stunden in Kopenhagen waren. Die haben aber tatsächlich ihren Job gemacht – und gerettet, was zu retten war.

In den USA aber scheint es, dass Obama die Planungen für ein Klimaschutzgesetz auf Eis gelegt hat, nachdem er die Mehrheit im Kongress verloren hat.

Er hat neulich in seiner Rede an die Nation klar gemacht, dass die Wirtschaft und die Gesundheitsreform bei ihm oberste Priorität genießen. Vor dem Hintergrund hoffe ich, dass er das mit der Gesundheitsreform schnell klären kann.

Aber ist er innenpolitisch nicht zu stark angeschlagen, um ein so unbeliebtes Klimagesetz durchzubringen?

Es hängt ja nicht alles am Präsidenten. In beiden Kammern gibt es wichtige Köpfe, die sich seit langem mit Klimaschutz beschäftigen: John Kerry zum Beispiel oder Nancy Pelosi, um nur zwei Prominente zu nennen. Selbst die Weltraumbehörde Nasa gilt als wichtige intellektuelle Instanz in dieser Frage. Sie alle haben ein Interesse daran, dass es Entscheidungen in der Sache gibt. Insofern sollte man nicht alles auf Obama reduzieren. Unterm Strich ist der Klimaschutz in den Staaten nicht so umstritten, wie es die Gesundheitsreform ist.

Und wie beurteilen Sie Chinas Rolle?

China wird immer wichtiger. Was genau dort passiert, muss man aber den Chinesen selbst überlassen. Ich glaube, es würde heftige Gegenreaktionen provozieren, wenn man anfangen würde, den Chinesen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Die kennen die Risiken, sie wissen um ihre Größe. Ich hoffe, die Regierung kommt zu dem Schluss, dass CO2-armes Wachstum vor allem eine Chance ist.

Wie wahrscheinlich ist das?

Es gibt eine fruchtbare Debatte in China, deren Ende ich nicht voraussagen will. Wir sehen großes Interesse an den Green Markets. China ist bald Fotovoltaik-Weltmeister und wird in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren mehr Kernkraftwerke bauen als der Rest der Welt.

Warum sprechen Sie sich für so umstrittene Technologien wie Atomkraft aus?

Das ist falsch. Ich bin nicht dafür, sondern lehne nur keine Technologie ab. Zum einen, weil das Klimaproblem so groß ist. Da wäre es ein Fehler, eine Technik von vornherein auszuschließen. Zum anderen ist es wichtig, dass wir die Probleme jeder Technologie analysieren, um möglichst gut darüber informiert zu sein.

Was spricht denn gegen einen radikalen Wechsel zu den Erneuerbaren?

Ganz ehrlich, ich bin ein großer Freund der Erneuerbaren. Aber meine Gegenfrage lautet: Können wir in 20 bis 30 Jahren 100 Prozent unseres Strom aus Erneuerbaren erzeugen? Ich vermute, das wird extrem schwierig.

Wäre es denn theoretisch möglich?

Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn es möglich wäre, würde ich das natürlich begrüßen. Wenn Sie mich fragen, wo wir beginnen sollten, dann sage ich: Genau da, bei den Erneuerbaren. Aber sollte man da aufhören, also nur noch in die erneuerbaren Energien investieren? Das wäre zu riskant.

Welche Rolle spielen die Folgekosten der Atomendlagerung in Ihren Berechnungen?

Wir müssen jede Technologie im Einzelnen betrachten und versuchen, die damit verbundenen Risiken zu evaluieren. Es ist eine Risikoabwägung. Je mehr man diese Risiken einer Technologie in ihren Kosten abbilden kann, desto besser werden Technologien vergleichbar. Und wenn man sich die Kosten für Kernenergie anschaut, sind diese verhältnismäßig niedrig – sofern man die möglichen Kosten des Klimawandels dagegenhält.

Ist das nicht zu einfach? Was für ein Preisschild kleben Sie denn auf ein Durchschnitts-AKW?

Das kann ich nicht. Aber immerhin können wir die Risiken und Kosten der Kernenergie heute besser abschätzen, weil wir in der Vergangenheit gesehen haben, was schiefgehen kann. Entsprechend niedriger sind die Risiken bei modernen Kraftwerkstypen. Kann man denn heute sagen, dass die Risiken der Kernenergie so groß sind, dass sie keine Option mehr sein darf? Das fände ich schwierig zu akzeptieren. Wenn man alles ausschließt, außer die zwei, drei Technologien, die derzeit populär sind, lässt sich das große Ziel kaum erreichen.

Sie sprechen sich auch für CO2-Speicherung aus – dem einzigen Hoffnungsprojekt der Kohle-Industrie? Was macht sie so zuversichtlich, dass die CCS-Technologie im großen Maßstab klappt?

Die Tatsache, dass einige Unternehmen derzeit so viel Geld in CCS investieren. Das heißt nicht, dass ich alles naiv akzeptiere, was die sagen. Aber es ist wichtig, dass Unternehmen den Beweis erbringen, dass man CO2 auch in wirtschaftlichem Maßstab von der Kohle abscheiden kann. Wenn dabei herauskommen sollte, dass das nicht möglich ist, sollten wir das eher früher als später erfahren.

Würden Sie sich ein Haus kaufen, das auf einer unterirdischen CO2-Blase steht?

Sagen wir so: Überall gibt es geologische Formationen. Ich weiß nicht, ob sich unter dem Ort, wo wir gerade sitzen, Kohle oder Gas befindet. Aber ich weiß, dass viele Menschen über solchen Vorkommen leben.

Ist das ein Ja?

Beim Hauskauf könnte man fragen, was sich unter dem Grundstück befindet. Ob das Gas, Kohle oder etwas anderes ist, spielt für mich aber keine große Rolle. Und soweit ich es verstanden habe, ist das Risiko des Austretens von CO2 – sofern es vernünftig gespeichert wurde – sehr, sehr klein. Aber das müssen wir erst einmal herausfinden, oder? Das muss man in Experimenten herausfinden, um mehr über Kosten und Risiken zu erfahren.

Vattenfall will in der Nähe von Berlin CO2 in einer Gegend unterirdisch speichern, in der auch Menschen leben. Nochmal: Würden Sie dort ein Haus kaufen?

Mir würde das keine große Sorgen bereiten. Aber es geht ja auch nicht um mich speziell. Worauf es ankommt, ist doch, dass alle Menschen möglichst viele Informationen darüber gewinnen. Wenn Menschen besorgt sind ...

... vielleicht, weil sie nicht Teil eines Experimentes sein wollen ...

... dann sollte man Experimente dort machen, wo Menschen sich keine Sorgen machen. Mann kann das Zeug ja transportieren, über Pipelines und Schiffe sogar, wohin man will. Das muss man ausprobieren und die Kosten für den Transport mit einberechnen. Nach allem, was wir wissen, sind die Risiken extrem gering. Aber es macht keinen Sinn, Menschen unnötig zu beunruhigen.

Welches ist das derzeit vielversprechendste CCS-Projekt, das sie kennen?

Das Problem mit den meisten derzeit existierenden Projekten ist, dass es dabei lediglich um das Säubern von Erdgas geht. Es gibt diese Projekte, weil sie sich bereits kommerziell lohnen, da die Betreiber dadurch CO2-Kosten sparen. Was wir jetzt aber brauchen, sind Projekte im Zusammenhang mit Kohle, um zu sehen, ob es auch damit klappt. Das ist die Herausforderung. Und ich hoffe, dass wir bis spätestens 2020 Ergebnisse sehen.

Zur Person

Baron Stern of Brentford ist Sohn eines deutschen Sozialisten, der 1938 vor den Nazis nach England floh. Der heute 63-Jährige studierte Mathematik und Volkswirtschaftslehre und lehrte 20 Jahre lang als Professor an verschiedenen Universitäten. Von 1994 bis 1999 war er Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, dann bis 2003 Chefökonom der Weltbank. Ende 2006 legte Lord Stern im Auftrag des damaligen britischen Schatzkanzlers Gordon Brown den „Stern Report“ zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels vor. Der Bericht war einer der Auslöser dafür, dass die Klimadebatte eine breite Öffentlichkeit erreichte.

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