Wirtschaft : Nicht die Spur von Hausse

DANIEL RHEE-PIENING

Auf dem Berliner Parkett herrscht Ruhe / Die ganz großen Aufträge gehen nach FrankfurtVON DANIEL RHEE-PIENING

Der Dax erklimmt Höhen, die auch manchen gestandenen Börsianer schwindelig werden lassen.Bereits zur Jahresmitte hatte er die Jahres-Prognosen der meisten Analysten erfüllt, am Mittwoch überschritt er erstmals die Schwelle von 4200 Punkten.Für viele ist die Grenze nach oben offen, auch wenn sicherlich noch der ein oder andere Rückschlag zu verkraften sein wird. Wer das Berliner Parkett betritt, merkt davon allerdings zunächst nichts.Hier herrscht scheinbare Ruhe, die Zeit der Sommerferien macht sich bemerkbar.Viele Büros der Banken stehen sowieso schon seit langer Zeit leer.So die "Zellen" der Deutschen, der Dresdner und der Commerzbank.Wenn überhaupt, wird das Geschäft vom Büro aus, am Computer abgewickelt.Dabei haben die drei Großen der deutschen Bankenlandschaft ihr Eigengeschäft längst aus Berlin abgezogen und nach Frankfurt (Main) verlegt.Die Deutsche Bank hat immerhin noch elf Mitarbeiter, die sich um die institutionellen Kunden kümmern.Bei der Commerzbank versucht man zudem - "wenn es irgend möglich ist" - auch die Kundenaufträge am Main abzuwickeln.Die Handelsabteilung an der Spree wurde vor etwa einem Jahr aufgelöst. Ein Lichtblick ist da aus Berliner Sicht die Berliner Volksbank und die Bankgesellschaft Berlin.Die Volksbank ist auf dem Parkett präsent und beschäftigt acht Personen in ihrer Handelsabteilung.Bei der Bankgesellschaft sind es sogar elf, die für das Kommissionsgeschäft arbeiten.Kundenaufträge werden - wenn gewünscht - in Berlin ausgeführt und auch das Eigengeschäft von Volksbank wie Bankgesellschaft findet zum großen Teil an der Spree statt.Doch es ist kein Geheimnis, daß die ganz großen Aufträge auch an den Main gehen, denn die Umsätze in Berlin sind dafür einfach zu klein. Zudem sind an der Berliner Börse gegenwärtig auch noch die Zuschauer so gut wie ausgesperrt.Gab es im alten Börsensaal am Rücken der Industrie- und Handelskammer in der Hardenbergstraße noch ein Galerie, auf der sich manches Mal ganze Schulklassen einfanden, verirren sich auf die Baustelle des Ludwig-Erhard-Hauses nur noch wenige.Und selbst wenn der Bau einmal fertig ist, müssen sich die Besucher einen Platz in der Kuppel suchen, vom Geschehen durch Glasscheiben getrennt. Aber die Berliner Börse hat sich eine Nische gesucht, in der sie ausgesprochen erfolgreich agiert: Der Freiverkehr.Fast täglich werden in diesem Segment neue - überwiegend ausländische - Werte eingeführt.Seit Jahresbeginn waren es insgesamt 154.Darunter befanden sich fast 20 osteuropäische, was schon den regionalen Schwerpunkt zeigt.Berlin will seine Nähe zu Osteuropa nutzten.Aber es werden in diesem Marktsegment auch alle Werte des Neuen Marktes gehandelt und demnächst soll sogar eine taiwanesische Aktie eingeführt werden - die Verhandlungen dafür laufen jedenfalls.In diesem Segment wird Berlin seine Stärken auch nach der Einführung des zentralen Orderbuchs, des sogenannten Dachskontros, ausspielen können, denn diese Werte werden dort nicht berücksichtigt werden, was auch zu Folge hat, daß die verlängerten Handelszeiten beibehalten werden können.Immerhin handelt man in Berlin nicht mehr bis 13 Uhr 30 sondern bis 16 Uhr, um möglichst nahe an die Handelszeiten der US-Börsen heranzurücken. Doch diese positiven Nachrichten ändern nichts an der Tatsache, daß der Präsenzhandel in Berlin keine große Rolle mehr spielt.Claus-Jürgen Diederich, Berliner Kursmakler und Präsident des Bundesverbandes der Kursmakler an den Wertpapierbörsen, drückt es schmeichelhafter aus: "Wir haben einen computerunterstützten Präsenzhandel." Nicht umsonst ist die Börse im Ludwig-Erhard-Haus auf sehr viel kleinerem Raum untergebracht als in ihrem alten Domizil.Aber missen möchte sie keiner der Akteure.Noch immer läßt sich auf dem Parkett, von Angesichts zu Angesicht, Information besser austauschen als per Telefon oder Computer. Und der Informationsaustausch ist gegenwärtig das wichtigste.Angesichts eines hohen Dax sind Favoriten nicht mehr so klar auszumachen.Aber nahezu jeder Börsianer auch in Berlin glaubt, daß es weiter nach oben geht.Es ist wahnsinnig viel Liquidität im Markt, die Zinsen sind niedrig und die Inflation unter Kontrolle.Da bleibt den Anlegern nichts anderes übrig, als auf die Aktien zu setzten.Und auch die Fonds, und die sind die eigentlichen Antreiber, halten so wenig wie möglich Liquidität. Und diese Hausse findet jetzt auch international Beachtung.Zunehmend werden die amerikanischen Pensionsfonds auf die deutschen Werte aufmerksam, hat Dirk Brenssell, Berliner Niederlassungsleiter des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co beobachtet.Und was das bedeutet, weiß jeder Börsenkundige: Milliarden werden in Bewegung gesetzt, was die Kurse weiter in die Höhe treiben kann.Und davon profitiert dann auch wieder die Berliner Börse.Zwar segelt sie nur im Windschatten der großen Deutsche Börse AG in Frankfurt, aber solange das Geschäft brummt, fällt auch für die kleineren Partner so mancher Brocken ab.

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