Wirtschaft : Nicht einmal jede vierte Firma bildet aus

Bundesregierung legt Lehrstellen-Programm auf – Wirtschaftsverbände: Ausbildungspakt ist erfolgreich

Cordula Eubel

Berlin – Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat kritisiert, dass derzeit nicht einmal jedes dritte Unternehmen in Deutschland ausbildet. „Wenn sich nur 40 Prozent der Betriebe an der Ausbildung beteiligten, hätten wir in Deutschland kein Ausbildungsproblem“, sagte Bulmahn. Auch die Gewerkschaften kritisierten die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Die IG Metall kommt in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Zahl der ausbildenden Unternehmen mit 23 Prozent auf ein historisches Tief gesunken ist. Die Wirtschaft wies die Kritik zurück.

Angesichts der angespannten Lage auf dem Lehrstellenmarkt will die Bundesregierung zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, um neue Ausbildungsbetriebe zu gewinnen. Mit 100 Millionen Euro sollen bis zum Jahr 2010 Wachstumsbranchen wie die Bio- oder die Nanotechnologie unterstützt werden, ausbildungsreif zu werden, kündigte Bildungsministerin Bulmahn an. „Jetzt gibt es für die Wirtschaft keine Ausrede mehr“, sagte die SPD-Politikerin.

Unmittelbar vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres haben die Betriebe nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) knapp zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze gemeldet als im Vorjahr. Ende August waren 195000 Bewerber unvermittelt. Bei 50350 unbesetzten Lehrstellen bleibt damit derzeit eine rechnerische Lücke von 144650. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht davon aus, dass tatsächlich etwa doppelt so viele Jugendliche eine Ausbildungsstelle suchen. Die Gewerkschaft zählt auch junge Menschen dazu, die nicht in der Statistik auftauchen, weil sie etwa eine BA-Maßnahme absolvieren.

Die Wirtschaftsverbände zeigten sich am Mittwoch dennoch zuversichtlich, die Lehrstellenlücke in den kommenden Monaten deutlich reduzieren zu können. Ende September, zum Start des Ausbildungsjahres, werde sie sich auf Vorjahresniveau bewegen (30700). Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, sagte, der Ausbildungspakt werde auch im zweiten Jahr erfolgreich sein. Die Wirtschaft hatte der Bundesregierung im Sommer 2004 zugesagt, drei Jahre lang jeweils mindestens 30000 neue Ausbildungsplätze sowie 25000 Praktika (so genannte Einstiegsqualifizierungen) zu schaffen. Mit dem Pakt wurde die Einführung einer gesetzlichen Lehrstellenumlage verhindert.

Industrie- und Handelskammern hatten nach eigenen Angaben bis Ende August bundesweit zwei Prozent mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Jahr 2004. Insgesamt waren es 250271. Das heißt aber nicht, dass unter dem Strich ein Plus herauskommt – wegfallende Lehrstellen werden nicht gegengerechnet. Braun sagte, seit Jahresbeginn seien 20500 Betriebe erstmals für die Ausbildung gewonnen worden.

Im Handwerk sieht die Bilanz nicht so gut aus: Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge lag mit 110439 bei den Handwerkskammern um 3,8 Prozent unter Vorjahresniveau. Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hanns-Eberhard Schleyer, verwies am Mittwoch darauf, dass die deutschen Handwerksbetriebe insgesamt an Umsatz und Beschäftigung verlören. Im ersten Quartal 2005 seien 179000 Stellen im Vergleich zu 2004 abgebaut worden. Die Ausbildungsquote, also der Anteil der Azubis an den Beschäftigten im Handwerk, liege weiter bei fast zehn Prozent.

DIHK-Präsident Braun verteidigte das Instrument der Einstiegsqualifizierungen (EQJ), das von Gewerkschaftsseite heftig kritisiert worden war. Wer keine Lehrstelle bekommt, soll nach den Vereinbarungen im Pakt ein einjähriges Praktikum erhalten. Braun sagte, im letzten Jahr seien 50 Prozent der Jugendlichen im Anschluss auch als Lehrlinge übernommen worden.

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