Wirtschaft : Nicht erfüllter Stellenabbau ist eine positive Überraschung (Kommentar)

Margarita Chiari

Die Bahn ist noch immer für Überraschungen gut - auch für positive. Erstmals seit Jahren will das Schienenunternehmen beim Thema Stellenabbau seinen Plan nicht erfüllen. Von einem "Rationalisierungsstopp", wie ihn die Gewerkschaft angesichts der Unfälle und Pannen gefordert hatten, ist das Unternehmen zwar noch weit entfernt. Bis zu 14 000 Stellen werden wegfallen, das ist kein Klacks. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren, als das Management unbeirrt an seinen Plänen festhielt und dies gebetsmühlenartig mit dringend gebotenen "Produktivitätsfortschritten" begründete, ist die neue Ankündigung von Personalvorstand Horst Föhr schon fast eine kleine Revolution.

Die Bahn bewegt sich - in die richtige Richtung. Dass dies nicht ganz freiwillig geschieht, spielt keine Rolle. Die Pannen und Verspätungen, der Ärger der Bahnfahrer und - nicht zuletzt - die Sparnot des Bundes haben bei der Bahn ein wundersames Umdenken bewirkt. Den ersten Schritt machte Bahnchef Johannes Ludewig, als er die Abkehr vom teuren Modernisierungsprogramm ankündigte. Statt in Hochgeschwindigkeitsstrecken soll das Geld nun verstärkt in die Verbesserung des vorhandenen Bestandes, in die Sanierung des maroden Regionalverkehrs gesteckt werden, auch in technische Ausrüstungen wie etwa neue Computer - mit denen "Buchungspannen", wie sie jüngst die Stiftung Warentest aufdeckte, vermieden werden können. Der zweite Schritt folgt nun: Statt einfallslos Stellen zu kappen, will der Personalvorstand nun stärker darüber nachdenken, wie die vorhandenen "Potenziale" besser genutzt werden können.

Die Wende war überfällig. Dass es bei der Bahn an Koordinierung mangelt, ist kein Geheimnis. Fast traditionell moniert die Gewerkschaft im Herbst das Ausmaß der Überstunden. Sechs Millionen sind es derzeit, einige Lokführer könnten bis Weihnachten zu Hause bleiben, während anderswo Leerlauf herrscht. Manches lässt sich durch eine bessere Planung und mehr Verantwortung der Führungskräfte verändern. Nötig ist aber auch die Abkehr von einigen Altlasten der Beamtenzeit, den starren Berufsbildern und Arbeitszeitvorschriften. Einfach wird dies nicht.

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