Wirtschaft : Nicht immer ein gemachtes Nest - Eine Übernahme kann eine Alternative zur eigenen Gründung sein

Regina Köthe

Eine Geschäftsübernahme scheint auf den ersten Blick eine optimale und bequeme Alternative zur Neugründung eines Unternehmens zu sein. Schließlich kauft man eine bestehende Firma, deren Konzept erprobt ist und die über einen festen Kundenstamm und eingearbeitetes Personal verfügt. Doch die Realität ist von dieser Idealvorstellung oft weit entfernt. Auch Übernahmen bergen Schwierigkeiten in sich. Dazu zählen die Finanzierung der Übernahme, der hohe Investitionsbedarf in der Anfangsphase und die oft spärlichen Informationen. Häufig erweist sich der Kundenkreis als nicht stabil und schnell können Probleme mit Personal und Lieferanten auftreten. Zusätzlich müssen Produkte oder Dienstleistungen nach Jahren der Stagnation unter Umständen noch den aktuellen Marktbedingungen angepasst werden.

Souveränität und Geschäftssinn

Für diese Probleme braucht ein Unternehmensnachfolger Branchenwissen und sehr gute kommunikative Fähigkeiten. Man muss sich und das Projekt präsentieren und immer wieder "verkaufen": bei den Angestellten, den Kapitalgebern, Bankern und Werbefirmen. "Für eine Übernahme braucht der Betreffende vor allem eine Unternehmerpersönlichkeit, die Erfahrung ausstrahlt und einen positiven Eindruck hinterlässt", meint der Unternehmensberater Ulrich Bremer. Er berät am Existenzgründerbüro der Berliner Arbeitsämter (EBA, t 21 00 29 -0; Internet: www.EBA-Berlin.de ) Arbeitslose, die eine Geschäftsübernahme planen.

Die Hotelfachfrau Zdenka Matlekovic ist eine Unternehmerpersönlichkeit; sie überzeugt durch Souveränität und Geschäftssinn. Sie hatte den Plan, sich selbstständig zu machen und fand ein zum Verkauf stehendes Restaurant in Wilmersdorf. Mit ihrem Gründungskonzept ging sie zum EBA. Die 34-jährige Kosovarin war in der Lage, die Geschäftsübernahme des Restaurants zu realisieren, obwohl die Gastronomie bei den Banken als Krisenbranche gilt.

"Macherqualitäten" besitzt die junge Unternehmerin ohne Frage und dazu die nötigen Branchenkenntnisse. Im Gründungskonzept (der "Businessplan") ist die Beschreibung der geplanten Geschäfte und Absatzwege, inklusive Finanzplanung und Gründungsablauf enthalten. Alle Punkte müssen mit betriebswirtschaftlichen Daten und Zahlen belegt werden. "Das Konzept ist nicht nur für Banken und Investoren wichtig. Es ist Orientierungshilfe und Maßnahmekatalog für den künftigen Unternehmer", erklärt Ulrich Bremer.

Eine Nachfolge ist schrittweise vorzubereiten: Zuerst ist zu prüfen, ob man persönlich für eine Unternehmensnachfolge geeignet ist. Danach beginnt die Suche nach einem geeigneten Unternehmen und professioneller Beratung. Ein Unternehmensberater sollte die wirtschaftliche Lage der zum Verkauf stehenden Firma anhand der Einnahme-Überschuss-Rechnungen der letzten fünf Jahre oder der Bilanzen überprüfen. Vorsicht ist angebracht, denn oft halten die Zahlen, die auf den ersten Blick erfolgversprechend aussehen, einer genaueren Prüfung nicht stand.

Generell gibt es einen großen Bedarf an Übernahmen. Circa 700 000 Unternehmer, vor allem aus den alten Bundesländern und dem Handwerksbereich, sind über 55 Jahre alt und suchen Nachfolger. Deshalb haben die Wirtschaftsverbände, die Deutsche Ausgleichsbank und die Bundesregierung die Internet-Nachfolgebörse "ChangeChance" ( www.change-online.de , t 030 / 85 08 54 -114) ins Leben gerufen. Bundesweit gibt es 501 Ansprechpartner bei den Kammern und Kreditinstituten. In dieser Internet-Börse werden derzeit etwa 4850 Unternehmen unterschiedlicher Branchen angeboten, davon 230 in Berlin. Im zweiten Halbjahr 1999 wurden 347 Nachfolger durch Change gefunden.

Bei der Industrie- und Handelskammer Berlin betreut Sigrid Rönnfeld die Nachfolgebörse (t 31 51 03 22). Vor allem kleinere Unternehmen suchen über die Börse Nachfolger. "Es bedarf schon einer immensen Kraftanstrengung für eine Übernahme. Viele machen sich nicht klar, was auf sie zukommt", warnt Sigrid Rönnfeld.

Auch bei der Handwerkskammer Berlin gibt es eine Nachfolgeagentur, in der sich circa 450 Eintragungen befinden und die einfach und unbürokratisch eine Kontaktaufnahme von Anbietern und Suchenden ermöglicht (Stefan Schiller unter t 25 90 33 60 oder www.hwk-berlin.de ). Circa 160 Handwerksbetriebe wurden im April 2000 angeboten.

Hilfe durch Beratung

Die größten Risiken bei Übernahmen liegen in der Unternehmensbewertung. Es gibt keine Formel, mit der ein wirklich objektiver, mathematisch genauer Wert zu errechnen wäre. Hier braucht man oft einen Unternehmensberater oder Betriebsberater der Kammern oder Fachverbände. Bei der Vermittlung von Unternehmensberatern hilft die Beratungsagentur der Deutschen Ausgleichsbank (t 85 08 50), die an das Projekt "Change" angeschlossen ist.

Nur bei einem Drittel aller Übernahmeprüfungen kann Ulrich Bremer zum Kauf raten. Für Arbeitslose bietet sich meist nur eine Übernahme von kleineren Betrieben an, weil sie als Käufer erstens das Kapital zum Kauf aufbringen müssen und zweitens finanzielle Ressourcen brauchen, um die erste Zeit der Geschäftsübernahme zu überbrücken. "Denn es werden nicht gleich Gewinne gemacht. In der Regel müssen sie zuerst einmal investieren", erläutert Ulrich Bremer. Diese Erfahrung hat auch Zdenka Matlekovic gemacht, die seit sieben Monaten ihr Restaurant betreibt: "Bisher hat alles geklappt, aber jetzt gilt es, feste Kunden zu gewinnen."

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