Nicht in Seattle : Amazon sucht Standort für ein zweites Hauptquartier

„Genauso groß und ebenbürtig“: Der Internetkonzern Amazon will zusätzlich zu seiner Zentrale in Seattle einen zweiten Unternehmenssitz bauen. Städte sollen sich bewerben.

Rachel Lerman
Wo wird dieses Logo künftig noch prangen? Experten spekulieren, dass der Konzern Vancouver ins Visier genommen hat.
Wo wird dieses Logo künftig noch prangen? Experten spekulieren, dass der Konzern Vancouver ins Visier genommen hat.Foto: dpa

Seattle/Berlin - Amazon kennt keine Grenzen: weder im Internet, noch im stationären Handel – und offenbar auch keine Stadtgrenzen. Man plane, einen zweiten Konzernsitz in Nordamerika zu eröffnen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Dieser solle „genauso groß und wichtig“ werden wie die Zentrale in Seattle.

Demnach will der Konzern fünf Milliarden Dollar, etwa 4,2 Milliarden Euro in das neue Quartier investieren und dort Platz für 50 000 Mitarbeiter schaffen. Städte sind aufgerufen, sich zu bewerben – Amazon will „die Angebote prüfen“.

Neben Seattle unterhält Amazon Niederlassungen überall auf der Welt. Der deutsche Unternehmenssitz befindet sich in München. Die neue Zentrale werde der in Seattle aber in nichts nachstehen, betont Konzernchef Jeff Bezos.

.Die Nachricht trifft die Stadt, von wo aus Amazon seit seiner Gründung 1994 die Geschäfte lenkt, überraschend. Erst vor Kurzem hat das Unternehmen dort ein neues Gebäude eröffnet und besetzt damit nunmehr 33 Immobilien in South Lake Union, mitten in der Innenstadt.

Dabei leidet Seattle zunehmend unter der Überpräsenz der inzwischen mehr als 40 000 „Amazonianer“. Die Stadt hat zusätzliche Busse eingesetzt, um dem Zustrom immer neuer Mitarbeiter gerecht zu werden. Mieten sind in die Höhe geschnellt, nirgendwo in den USA steigen die Immobilienpreise so stark wie in Seattle. Berichten der „Seattle Times“ zufolge sind 19 Prozent aller verfügbaren Büroflächen von Amazon besetzt. Jetzt wird offenbar der Raum knapp.

Chris DeVore, ein in Seattle lebender Investor und Start-up-Förderer, vermutet, dass Amazon seine Aktivitäten auch deshalb auf verschiedene Orte verteilen will, um kartellrechtliche Verfahren zu vermeiden. Einerseits haben zahlreiche Tech-Unternehmen in Seattle vom großen Vorbild profitiert – es hat sie dort hingelockt und häufig auch gefördert. Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die sich sorgen, dass die Stadt zu homogen werden könnte – „Amazon City.“ Das gilt erst recht, seit Boeing große Teile seiner Produktion aus der Region abgezogen hat.

„Es ist immer ein Schlag, Unternehmenskraft zu verlieren“, sagt DeVore. „Aber wir müssen auch sehen, dass die Stadt bunt bleibt.“ Der gesunde Mix: Davon könne zur Zeit keine Rede sein.

Die einzige Bedingung, die Amazon an sein „zweites, ebenbürtiges Zuhause“ stellt: Die Stadt muss mehr als eine Million Einwohner haben. Dass von „Nordamerika“ die Rede ist, halten Experten nicht für einen Zufall. Amazon könnte das nahe kanadische Vancouver im Visier haben.

Übersetzt von Maris Hubschmid.

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