Wirtschaft : "Nicht irritieren lassen, nichts unterschreiben"

Martin Wortmann

Verbraucherschützer raten verwirrten Telefonkunden zum AbwartenVon Martin Wortmann

Bonn, 6.Januar (AFP) - Die Telefonkunden sind verunsichert: Seit Jahresbeginn können sie auf dem liberalisierten Telekommunikationsmarkt frei wählen, doch selbst Profis sind von der Tarifvielfalt, dem Gebühren-Zank um Ablösesummen und der praktischen Umsetzung der neuen Freiheit überfordert.Verbraucherschützer Wilhelm Hübner, Vorsitzender des Verbandes für Post und Telekommunikation, hat vor allem einen Rat für die Telefonnutzer parat: "Nicht irritieren lassen, nichts unterschreiben." Erst müsse sich der Nebel lichten.Der Wirtschaftsreferent der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, Dirk Klasen, teilt diese Einschätzung: "Man ist gut beraten, wenn man jetzt nichts überstürzt." Das Prinzip "Bloß weg von der Telekom" läßt sich für private Verbraucher bislang ohnehin kaum verwirklichen.Bei Ortsgesprächen, die meist den Großteil der Verbindungen ausmachen, bleibt vorerst alles beim alten, sie laufen in aller Regel weiterhin über die Telekom.Nur zwei Stadtnetzbetreiber bieten bereits einen Ortsnetzservice an, die großen Konkurrenzgesellschaften sind noch nicht so weit. Anders sieht es bei Ferngesprächen aus: Da besteht bereits eine größere Auswahl an Anbietern, dafür schreckt der herrschende Tarif-Wirrwarr."Mit ist es noch nicht gelungen, die kompletten Tarife zu bekommen", stöhnt selbst Telefon-Experte Hübner.Dabei kommt es nicht nur auf die Entfernung und die Tageszeit an: Insbesondere die Taktzeit, in der abgerechnet wird, bleibt häufig offen."Es wird sicher Gesellschaften geben, die jede angefangene Minute berechnen, und das wird für den Kunden zu teuer", mahnt Hübner zur Wachsamkeit. Einhelliger Rat der Verbraucherschützer ist daher, sich keinesfalls schon jetzt vertraglich an einen einzelnen Anbieter zu binden, sondern erst ein paar Wochen abzuwarten.Feste Verträge werden zwar nur bei der sogenannten Pre-Selection fällig, bei der automatisch alle mit der Ziffer Null beginnenden Gespräche auf die auserwählte Telefonfirma umgeleitet werden.Aber auch beim sogenannten Call-by-Call-Verfahren verlangen viele Firmen eine schriftliche Anmeldung.Bei Call-by-Call entscheidet der Telefonkunde von Gespräch zu Gespräch, über welche Firma er telefoniert.Er muß dann jeweils eine spezielle Zugangsnummer vor die Rufnummer setzen. Zwei Anbieter können schon jetzt ohne vorherige Anmeldung für Call-by-Call genutzt werden: Mannesmann Arcor (Zugangsnummer 01070) und Mobilcom (01019).Mobilcom sei derzeit etwas günstiger, bei Arcor dagegen die Qualität besser, meint Verbandschef Hübner, "aber beides kann sich täglich ändern".Mobilcom garantiert seinen günstigen Tarif von durchgängig 19 Pfennig pro Minute vorerst nur bis Ende Januar. Die noch umstrittene Ablöse, die die Telekom beim Wechsel eines Telefonkunden zur Konkurrenz verlangen will, falle bei Call-by-Call-Gesprächen nicht an, betont Hübner.Auch Mindestumsätze gibt es im Gegensatz zu den Pre-Selection-Verträgen mancher Anbieter nicht.Arcor und Mobilcom lassen ihre Rechnungen allerdings über die Telekom mitversenden und müssen dem Ex-Monopolisten dafür zahlen.Dieses Geld holt sich zumindest Arcor wieder herein: Das Unternehmen berechnet eine Vermittlungsgebühr von sechs Pfennig je Telefonat, zu der dann die Gesprächskosten kommen. Auf Dauer, freut sich Hübner, könnten die Verbraucher dennoch nur gewinnen."Zum ersten Mal sitzt der Kunde am längeren Hebel." Vorausgesetzt, ergänzt Verbraucherschützer Klasen, man habe einen Überblick über die Tarife.Und das könnte mit der wachsenden Zahl der Anbieter immer schwieriger werden.

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