Wirtschaft : Nicht nur Europa kämpft mit Mängeln der Flugsicherung

zz/kol

Die amerikanischen Flugpassagiere sind verärgert. Immer längere Verspätungen müssen sie in Kauf nehmen, zahlreiche Flüge fallen aus. Und auch die US-Fluggesellschaften kritisieren, dass sie Milliarden einbüßen durch Warteschleifen und stornierende Passagiere. Der Adressat der Beschwerden: die Federal Aviation Administration (FAA), die nationale Flugaufsichtsbehörde. Der Grund: die mangelhafte Luftverkehrsüberwachung in den USA.

Was Passagiere und Fluggesellschaften in Europa schon seit Jahren zur Weißglut treibt, wird nun auch in den USA zum Reizthema. Der Luftverkehr erstickt an seinem eigenen Erfolg; die Überlastung des Luftraums führt zu chaotischen Zuständen - sowohl in der Luft als auch auf den Flughäfen.

Auf den ersten Blick müssen die häufigen Klagen über Probleme der amerikanischen Flugsicherung überraschen - sind doch die USA ein riesiges Land, in dem der Luftraum mehr als ausreichend erscheint. Aber da sich der Luftverkehr meistens auf die etwa 30 großen Flughäfen, die Drehkreuze der Airlines, konzentriert, wird der Raum dort knapp. Die Folge: Insbesondere kleinere Maschinen sogenannter Commuter-Gesellschaften, die Berufspendler zwischen den Großstädten transportieren, müssen zum Beispiel am Nachmittag über Washingtons Flughafen Dulles International (IAD) lange Warteschleifen ziehen - häufig bis zu einer halben Stunde. Denn die dicken Jumbos, die zu dieser Zeit aus Europa eintreffen, haben absoluten Vorrang bei der Landung.

Doch die Knappheit des Luftraums wäre durchaus in den Griff zu bekommen, meinen die Fluggesellschaften, wenn dieser Mangel besser verwaltet würde. Sie schieben den Schwarzen Peter der Luft zu. In der Tat: Die Kompetenzen der FAA sind zersplittert, die Aufsicht über die Luftstraßen auf verschiedene Überwachungszentren aufgeteilt. Kompetenzgerangel und mangelnde Abstimmung verschärfen das Problem unnötig.

Die FAA will dieses Chaos nun entzerren und hofft, damit die Verspätungen abzubauen. Ihr "Command Center" in Herndon nahe dem hauptstädtischen Flughafen IAD soll mehr Kompetenzen bei der Aufsicht über andere Kontrollzentren erhalten.

Optimal scheint nach Ansicht von Experten eine Mischung aus zentraler Koordination und regionaler Feinsteuerung. Das "Command Center" überwacht in den USA bisher die Flugbewegungen im ganzen Land. Bei Wetterstörungen oder technischen Fehlern, wie etwa dem Ausfall von Start- und Landebahnen, kann es die Zahl der Flugbewegungen am Himmel reduzieren. Dazu gehört auch, dass Flugzeuge gar nicht erst starten dürfen. Wenn jetzt dem FAA-Überwachungszentrum im Staate Virginia mehr Kompetenzen erteilt würden, wäre nach Meinung der Airlines eine effizientere Flugsteuerung möglich. Denn die amerikanische Luftüberwachung reagierte nach Meinung der Airlines bislang viel zu unflexibel auf plötzliche Wetterveränderungen oder größeres Flugzeugaufkommen. Dadurch können die Fluggesellschaften auch nur langsam auf anormale Zustände reagieren: Sie können Flüge nicht rechtzeitig absagen und die Passagiere auf andere Routen umleiten. Das wiederum führt erst recht zu Staus auf den Flughäfen und in der Luft. Die amerikanischen Probleme müssen den europäischen Luftverkehrsmanagern in den Ohren klingeln. Denn bisher galten die USA als leuchtendes Vorbild: Nur 20 Kontrollstellen sorgen für sichere Flüge über den riesigen amerikanischen Kontinent - in Europa sind es 39, die den in 240 Sektoren unterteilten Luftraum kontrollieren.

Doch nicht nur die große Zahl von Flugsicherungsstellen machen das Fliegen in Europa so mühsam. Viel entscheidender sind - ähnlich wie in den USA - Mängel in der Kommunikation zwischen den einzelnen Zentren, aber auch die unterschiedliche technische Ausstattung in den einzelnen Ländern. Karl-Heinz Neumeister, der Generalsekretär der AEA, des Verbands der europäischen Fluggesellschaften formuliert es gerne drastisch: "Wenn man von Deutschland nach Griechenland fliegt, dann ist das, als ob man von einer vierspurigen Autobahn auf einen Feldweg kommt."

Den Fluggesellschaften, die schon seit Jahren vergeblich über dieses System klagen, ist nun angesichts der drastisch steigenden Verspätungszahlen die Hutschnur geplatzt. "Ein Katastrophensommer" sei das, schimpft etwa Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta. Im Schnitt seien in Europa die Verspätungen pro Passagier zwischen 1998 und 1999 um 66,7 Prozent gestiegen. Drei Viertel davon bedingt durch Mängel bei der Flugsicherung. Bei Lufthansa werden 44 Prozent der Lufthansa-Verspätungen auf die europäische Flugsicherung zurückgeführt. Spinetta fordert deshalb die Bildung eines Gremiums, um das Problem der Luftraumkontrolle europaweit anzugehen. Doch auch dieser Vorschlag ist nicht neu. Bereits vor drei Jahren hat die EU-Kommission ein Weißbuch mit dem Titel "Flugverkehrsmanagement - Für einen grenzenlosen Himmel über Europa" vorgelegt. Dort kritisierte sie in ungewohnt deutlicher Form die "untragbare Situation" und fordert eine zügige Vereinheitlichung der zersplitterten europäischen Flugsicherung. Bisher ohne Erfolg.

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