Wirtschaft : Nicht sexy, aber sicher: Rentenwerte

JOACHIM HOFER

AKTIEN, AKTIEN, AKTIEN . Leute, die auf der Suche nach einer geeigneten Geldanlage sind, werden seit einiger Zeit von Aktientips regelrecht überflutet. Kein Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, kein Börseninformationsdienst, keine Sendung vom Parkett kommt heute ohne Aktienempfehlungen aus. Damit noch nicht genug der Aktieneuphorie: Die mit der langanhaltenden Hausse einhergehende Begeisterung hat den Sicherheitsaspekt vernünftiger Geldanlage an den Rand gedrängt. Konkret: Über festverzinsliche Wertpapiere wird kaum noch ein Wort verloren.Viele Jahrzehnte lang haben diese sogenannten Rentenpapiere die Aktien in Deutschland in ihrer Bedeutung weit übertroffen. Die Umsätze an der Börse lagen über denen der Valoren. Wer sein Geld gewinnbringend und dennoch sicher anlegen möchte, darf die Festverzinslichen auch heute nicht aus den Augen lassen. Während Aktien in ihrem Wert oft sehr stark schwanken - und sogar völlig wertlos werden können - sind die Anleihen wie eine Rente, das heißt sicher. Gewiß, auch die Rentenzahlung steht derzeit auf wackeligen Beinen, aber als der Begriff geprägt wurde, galt sie noch als sicher. Und noch eine Einschränkung ist angebracht: Rentenpapiere von Schuldnern aus der zweiten oder dritten Reihe sind gefährlicher als solide deutsche Aktien.Wer auf Anleihen von hochverschuldeten Firmen oder exotischen Ländern setzt, verliert unter Umständen seinen Einsatz ebenso, wie wenn er Aktien dieser Firmen und aus diesen Staaten gekauft hätte. Dabei gehen dem Anleger im schlechtesten Fall gleich zwei Posten verloren: Die Zinsen und das eingesetzte Kapital.Dennoch: Festverzinsliche Wertpapiere bieten gegenüber anderen Anlageformen einige klare Vorteile. So ist der Zins in der Regel über die gesamte Laufzeit, also bis zur Rückzahlung, festgesetzt. Die Einkünfte sind also gut kalkulierbar und gleichbleibend. Darüber hinaus ist die Einlösung zum Nennwert garantiert. Dazu muß die Anleihe freilich auch bis zum Ende der Laufzeit gehalten werden. Wer das Papier früher wieder verkaufen will, muß mit einem Kurs rechnen, der unter dem Ausgabepreis liegt. Die einfache Verkaufsmöglichkeit ist ein weiterer Vorzug von Anleihen: Wer Geld braucht, kann die Anleihen jederzeit an der Börse anbieten.Die Liste der Risiken beim Rentenkauf ist allerdings ebenso lang: So kann der Börsenkurs einer Anleihe sinken, zum Beispiel wenn sich die Bonität des Emittenten verschlechtert, oder wenn die gerade am Markt gezahlten Zinsen für ähnliche Anleihen steigen. Bonitätsveränderungen können auch dazu führen, daß sich die Wertpapiere an der Börse nur schwer verkaufen lassen. Bei entsprechend risikoreichen Anleihen muß der Investor auch damit rechnen, daß sich die Tilgung verzögert oder gar ganz ausfällt. Und noch etwas gilt es zu beachten: Der Wert von Festverzinslichen in einer fremden Währung kann sich mit Währungsschwankungen kräftig ändern.Zumindest das Bonitätsrisiko läßt sich relativ leicht bestimmen. Sogenannte Ratingagenturen teilen die Schuldner in verschiedene Klassen ein - von absolut sicher bis sehr wackelig. Der Reiz der unsicheren Emittenten: Sie müssen in der Regel höhere Zinsen zahlen. Ein Beispiel: Während 30-jährige US-Staatsanleihen rund 6 Prozent abwerfen, muß ein Land der Dritten Welt oft das Vielfache davon aufwenden, um die Anleger dazu zu bringen, ihm Geld zu leihen.Die US-Bonds bringen also weniger ein, dafür ist die Rückzahlung absolut gesichert. Brasilianische Bonds dagegen lohnen sich viel mehr. In diesem wie in anderen lateinamerikanischen Ländern ist die Tilgung allerdings lange nicht so sicher - und das kostet die Länder einen gehörigen Aufschlag.Derzeit sind die Märkte für festverzinsliche Wertpapiere in kräftiger Bewegung. Die langfristigen Zinsen sind in Euroland in den vergangenen Wochen und Monaten gestiegen. Experten begründeten das Klettern vor allem mit der Schwäche des Euro, der von 1,17 Dollar für einen Euro fast bis auf das Verhältnis von 1 zu 1 gesunken ist.Mit dem Renditeanstieg ging ein starker Kursverlust einher. Der sinkende Euro veranlaßte insbesondere Anleger aus Übersee zu Verkäufen beziehungsweise hielt sie von Neuinvestitionen ab. Viele Analysten gehen von weiter steigenden Zinsen in Richtung fünf Prozent aus.Anleger, die langfristig denken, sollten sich von den kurzfristigen Bewegungen wenig beeinflußen lassen. Bereits der Einbruch am Aktienmarkt in Argentinien in der Mitte dieser Woche sorgte nämlich wieder für steigende Kurse im Euro-Währungsgebiet. Geschockt durch die Schwäche in Südamerika suchten die Investoren den sogenannten "sicheren Hafen" in Europa.Wer beispielsweise für die Alterssicherung Geld anlegt, sollte sein Renten-Portfolio strukturieren. Sicherheitsorientierte Anleger werden deshalb einen hohen Anteil von Euro-Anleihen von hervorragender Bonität halten. Darüber hinaus kommt für sie ein kleiner Anteil von Fremdwährungsanleihen guter Schuldner außerhalb von Euroland in Betracht, etwa Dänemark. Spekulativ eingestellte Investoren werden darüber hinaus Euro-Anleihen von niedriger eingestuften Schuldnern kaufen. Darüber hinaus kommen für sie auch profitable Fremdwährungsanleihen, beispielsweise in Drachmen oder Zloty in Betracht.Wer sein Portfolio nicht selbst aktiv verwalten möchte, hat auch die Wahl unter zahlreichen Rentenfonds. Der Vorteil: Die Fondsmanager streuen das Risiko und haben die Möglichkeit, eine größere Zahl verschiedener Anleihen in ihrem Depot zu halten. International anlegende Rentenfonds nutzen dabei die Zinsunterschiede weltweit.Anleger, die genau hinsehen, werden erkennen, daß es am Rentenmarkt fast ebenso spannend zugeht wie im Aktienhandel. Fast täglich kommen Anleihen in für Beobachter gigantischen Größenordnungen von zum Teil mehreren Mrd. Dollar auf den Markt. Im ersten Halbjahr 1999 gewannen Firmenanleihen in Euroland auch zunehmend an Gewicht.

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