Wirtschaft : Nichts bleibt wie es war

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Von Alfons Frese

Die IG Metall macht sich auf die Suche nach der Zukunft. Über die „Offensive 2010 – Chancen für eine bessere Zukunft“ diskutiert die Großgewerkschaft in den kommenden Tagen in Leipzig. Fast tausend Gewerkschafter und Gäste werden auf dem „Zukunftskongress“ erwartet. Bereits vergangene Woche hatte der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel den Entwurf eines Zukunftsmanifestes vorgestellt, der in Leipzig gewissermaßen die Geschäftsgrundlage des Kongresses bildet. Die wichtigsten Aussagen des Papiers: Die Tarifpolitik soll differenzierter werden und den einzelnen Betrieben mehr Spielräume lassen; die Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen, aber zum Beispiel auch für die eigene Qualifizierung und lebenslanges Lernen wird betont; die Finanzierungsprobleme der Sozialkassen werden nicht länger ignoriert und schließlich will sich die IG Metall verändern, um „in allen Angestelltenbereichen stärker Fuß zu fassen“.

Das hört sich nicht schlecht an, sagt der Klassenfeind. Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Hans Werner Busch war „angenehm überrascht über die offene Debatte“. Offenbar würden nun auch die hartnäckigsten Kader merken, „nach der alten Masche geht es nicht mehr“. Der Arbeitgeberfunktionär hat „vorsichtige Modernisierungsansätze“ ausgemacht, alles in allem sei das Zukunftsmanifest jedoch „kein Modernisierungspapier“, dazu würden die „Traditionalisten“ in der IG Metall zu stark bedient. Als Beispiele nennt Busch die Forderung nach Einführung der Tobin-Steuer und die Ablehnung eines Niedriglohnsektors. In Sachen Tarifpolitik erkennt Busch die zunehmende Bereitschaft, „nicht alles über einen Kamm zu scheren“.

Das gilt jedoch bei weitem nicht für die ganze IG Metall. Hartmut Meine etwa, IG-Metall-Chef in Niedersachsen, will keine Neuausrichtung der Tarifpolitik. Meine ist gegen die Formulierung im Zukunftsmanifest, wonach in den Flächentarifverträgen „eine verbindliche Grundlage für betriebliche Verhandlungen über Einkommensbestandteile und Ergebnisbeteiligung geschaffen werden“ soll. „Ertragsabhängige Differenzierung in den Tarifverträgen heißt gespaltene Tarifverträge“, sagt Meine. Auch der IG-Metall-Boss von Berlin, Brandenburg und Sachsen, Hasso Düvel, äußert sich eher skeptisch. „Ich fordere seit Jahren differenzierte Tarifverträge“, sagt Düvel. „Aber eine Öffnung nach unten wird es mit mir nicht geben.“ Anders gesagt: Die Differenzierung geht nur in eine Richtung, wenn es den Firmen gut geht, können sie was drauflegen, wenn es schlecht geht, darf aber nichts weggenommen werden. Meine und Düvel sind Kumpel von Jürgern Peters, dem Stellvertreter Zwickels, der im nächsten Jahr zum Vorsitzenden gewählt werden möchte. Das will Berthold Huber auch, derzeit Bezirkschef der Gewerkschaft in Baden-Württemberg. Während Peters gern den Haudegen gibt, zeigt sich Huber als Intellektueller, der sich den Kopf zerbricht über die zukünftige Rolle der Gewerkschaften. Huber will den Beschäftigen „mehr Mitsprache“ auch im Rahmen der Flächentarifverträge einräumen. „Wir sollten der Individualisierung nicht so entgegentreten, als wäre sie nur von übel“, sagte Huber dieser Zeitung. Allerdings sei der Weg zu wirklich differenzierten Tarifverträgen weit und bedürfe ausgiebiger Diskussionen in den eigenen Reihen. Das ist wohl wahr in der Kampforgansisation IG Metall, in der es jede Menge Leute gibt, „die meinen, dass alles so weitergehen könnte wie bisher“.

Huber treibt die Frage um, wie man im Flächentarif die Differenzierung umsetzen kann. Ein wesentlicher Punkt dabei: Wer den Betrieben mehr Kompetenzen geben will, der müsse auch so konsequent sein, und die Arbeitskampffähigkeit auf der Betriebsebene ermöglichen. Ganz wohl ist Huber nicht bei der Aussicht, doch „wer das Tarifkartell aufbrechen will, muss wissen, dass er sich den Konflikt in den Betrieb holt“, sagt der Metaller. Er stellt sich künftig eine „Zweistufigkeit“ im Tarifsystem vor: Die Tarifparteien bestimmen das Volumen, wie das verteilt wird bleibt den Betrieben überlassen.

Die Notwendigkeit einer Differenzierung erklärt Huber mit Beispielen aus seinem Bezirk. Porsche etwa habe zuletzt eine Umsatzrendite von 13,8 Prozent erreicht, im Maschinenbau betrage der entsprechende Wert nur wenige Prozentpunkte; im Automobilbau sei die Produktivität zuletzt um 17 Prozent gestiegen, im Maschinenbau aber nur um 7,5 Prozent. „Kann man da noch mit einer Vereinheitlichung, einem Durchschnitt arbeiten?“, fragt Huber. Natürlich nicht. „Wir kommen in die Zerreißprobe“, beschreibt der Bezirksleiter die Situation. So sei der diesjährige Tarifabschluss den Arbeitern bei Daimler-Chryser kaum zu vermitteln gewesen, da die deutlich mehr erwartet hatten. Spätestens zur Tarifrunde Ende 2003 „müssen wir wissen, wie es geht“, sagt Huber über das künftige Tarifgeschehen. Und dass es so geht, wie er es sich vorstellt, wäre natürlich viel wahrscheinlicher, wenn er im Herbst nächsten Jahres zum Nachfolger Zwickels gewählt würde.

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