NIEDEREGGER : Gymnastik am Fließband

4000 Schritte sind es, die Personalleiter Klaus Puschaddel täglich zurücklegt. 11 500 sollten es sein. Puschaddel ist 62 Jahre alt und auch er macht mit bei dem Programm „Happy Heart“. Acht Wochen lang beobachtet er sein Ernährungs- und Bewegungsverhalten, einen Schrittzähler trägt er dafür stets bei sich. „Es geht darum, dass ich und die anderen Mitarbeiter fröhlich bis 67 durcharbeiten können“, sagt Puschaddel.

Beim Marzipanhersteller Niederegger in Lübeck hat man vor drei Jahren damit begonnen, etwas für die Gesundheit der rund 500 Mitarbeiter zu tun. Etwa die Hälfte von ihnen ist älter als 50 Jahre, 80 Prozent sind weiblich. Die meisten müssen einer Doppelbelastung standhalten: Am Fließband formen sie Marzipanherzen oder Pralinen, Zuhause kümmern sie sich um die Familie.

In den Produktionshallen gibt es inzwischen ein festes Ritual: Um zehn Uhr, pünktlich zur Mitte der Frühschicht, werden die Fließbänder angehalten. Die Mitarbeiter versammeln sich, eine der Kolleginnen steht vor den anderen: Sie ist die Vorturnerin. Hebt sie einen Arm, machen es die anderen ihr nach. Menschen in Arbeitskitteln und mit weißen Hauben auf den Köpfen strecken nun abwechselnd die Arme in die Luft, manchmal auch ein Bein. An manchen Tagen macht auch Klaus Puschaddel bei den Gymnastikübungen am Fließband mit. „Es sieht ein bisschen aus wie in China“, sagt er.

Betreut werden die zehnminütigen Gymnastikeinheiten von einer professionellen Trainerin. Sie selbst ist nicht immer dabei, dafür hat sie Vorturnerinnen ausgebildet. Die Trainerin hat sich zuvor die Arbeitsplätze angeschaut und überlegt, welche Übungen sinnvoll sind. Und sie überprüft, ob alles richtig läuft. In regelmäßigen Abständen führt sie neue Übungen ein. „Man beginnt zu schmunzeln“, sagt Puschaddel, „aber ein Mensch, der sich am Arbeitsplatz wohlfühlt, bekommt nicht so schnell ein Burn-out.“

Niederegger geht es jedoch nicht nur um die Prävention von Burn-out, sondern generell um die Gesundheit der Mitarbeiter. Im Jahr 2000 hatte das Unternehmen zwei separate Räume zur Verfügung gestellt, in denen geraucht werden durfte. Rauchende Mitarbeiter mussten sich jedoch mit ihrer Karte auschecken, die Zigarettenlänge wurde von der Arbeitszeit abgezogen. Seit dem 1. August 2008 ist das Unternehmen komplett rauchfrei. Die Mitarbeiter haben dies früher mitgeteilt bekommen, wer wollte, konnte an Entwöhnungskursen teilnehmen oder einen Trainer engagieren – an den Kosten beteiligten sich die Krankenkassen sowie die Mitarbeiter mittels ihrer Zeitarbeitskonten. „Rechnerisch sparen wir so zweieinhalb Arbeitskräfte im Monat“, sagt Puschaddel.

Beschwerden an Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-System und Atemwegen waren meist Ursache für Krankmeldungen. Durch eine andere Ernährung in der Kantine, die Turnübungen am Arbeitsplatz und das absolute Rauchverbot konnte bei Niederegger die Gesundheitsquote auf rund 96 Prozent erhöht werden. Einer Umfrage der Fachhochschule Lübeck zufolge stieg das Wohlfühlen am Arbeitsplatz um 40 Prozent.

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