Wirtschaft : „Niemand fällt ins Elend, wenn er 40 Stunden arbeitet“

Der schwäbische Musterunternehmer Berthold Leibinger über Arbeit, Reichtum und das moralische Versagen der Führungskräfte

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Herr Leibinger, sind Sie reich?

Ich kann so leben, wie ich will. Aber reich bin ich nur so lange, wie es dem Unternehmen gut geht. Der ganz überwiegende Teil dessen, was im Unternehmen erwirtschaftet wird, bleibt im Unternehmen und wird wieder investiert. Deshalb geht es der Firma und meiner Familie gut.

Viele Menschen klagen, die Reichen würden immer mehr bekommen und den Armen immer mehr weggenommen.

Ich kann nachvollziehen, dass Menschen, die nur relativ knapp ihr Leben bestreiten können, empfindlicher sind für Veränderungen und diese oft nur mühsam verkraften. Aber das Geschrei der Gewerkschaften halte ich für katastrophal. Auch wenn man eine soziale Asymmetrie bei den Reformen feststellt - und dies kann man ja so empfinden - dann wird man mit einer Korrektur der großen Einkommen die Probleme nicht lösen.

Aber die kleinen Leute hätten das Gefühl, dass es gerechter zugeht.

Die Unternehmergewinne gehören auch zu den großen Einkommen, aber sie sind die Gewinne des Unternehmens und werden für Investitionen dringend benötigt. Es ist eine Aufgabe der wirtschaftlichen und politischen Führung, die Menschen für diese Veränderungen und Reformen zu gewinnen. Da ist viel zu wenig passiert. Die Führungsschicht muss den Menschen erklären, dass wir mit unserem Sozialsystem zu lange über unsere Verhältnisse gelebt haben.

Derweil feiert die Führungsschicht auf Kosten anderer im Hotel Adlon Silvester. Wie wollen Sie jemandem mit kleinem Einkommen klarmachen, dass er über seine Verhältnisse lebt?

Man kann die Menschen auch von Dingen überzeugen, die sie nicht gern tun wollen, wenn man selbst versucht, Vorbild zu sein. Die Eliten haben in dieser Hinsicht zu wenig getan. Wir brauchen eine Gemeinwohlpflichtigkeit der Privilegierten.

Was ist das?

Die Bereitschaft, in der Kommune, in dem Umfeld, in dem man lebt, aufzutreten, sich zu stellen, mit den Menschen zu diskutieren.

Warum sollte sich ein Unternehmer diese Mühe machen?

Das ist keine Mühe. Mir persönlich ist es ein Anliegen. Seit 40 Jahren versäume ich in meinem Unternehmen keine Betriebsversammlung. Jeder, der uns sein wirtschaftliches Schicksal anvertraut, ist wichtig für uns. Das müssen die Leute spüren.

Das hört sich schön an. Aber was machen Sie, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen?

Es gibt einen ganz harten internationalen Wettbewerb. Wenn wir da nicht mehr mit unserem Aufwand und unseren Ergebnissen bestehen, wenn wir nicht so viel besser sind wie wir teurer sind, dann haben wir keine Chance. Aber die Menschen müssen die notwendigen Maßnahmen auch verstehen. Wenn wir fünfzig Leute entlassen müssten und ich würde mir in der gleichen Woche ein neues Auto kaufen, wäre das unpassend. Das geht nicht. Man muss in der Lage sein zu sagen: Das passt jetzt nicht.

Sie haben in Amerika gelebt, sieht man das da auch so?

In Amerika lebt man das Leben anders. Und man zeigt es gern, wenn man Erfolg hat. Ich glaube, dass ein Teil der Diskussion zwischen Arm und Reich, die wir zurzeit haben, auch damit zu tun hat, dass wir uns dieser Haltung nicht ganz entziehen können. Sie bestimmt nun einmal einen großen Teil des Wirtschaftslebens.

Im Moment scheint das deutsche Wirtschaftsleben vor allem in der Abwanderung von Unternehmen ins Ausland zu bestehen.

Manche haben keine andere Wahl. Wir werden aber in Deutschland als Unternehmer nicht sehr lange wie muntere Fische in einem Meer von Arbeitslosigkeit schwimmen können. Wir werden trocken gelegt, wenn wir nichts tun. Wenn wir es nicht schon aus Patriotismus oder Anstand tun, dann müssen wir es aus Klugheit tun: Das, was dieses Land hat, stark machen. Dieses Land hat doch eine ungeheure Kraft. Die zu nutzen und zu entwickeln, das ist unser großes Anliegen hier in diesem Unternehmen.

Der Firma Trumpf geht es ja auch gut.

Das stimmt. Wir sind im oberen Bereich der Unternehmen, in denen man deutsche Tugenden tatsächlich umsetzen kann: nämlich wissenschaftliche Erkenntnisse sehr schnell in sehr gute Produkte umsetzen, die gleichzeitig ein hohes Maß an Qualitätsfertigung verlangen.

Aber auch Sie haben Ihren Mitarbeitern Lohnverzicht abverlangt, als es darum ging, entweder eine Produktion in Deutschland auszubauen, oder sie ins Ausland zu verlagern.

Das stimmt. Unser Betriebsrat hält das für einen der größten Erfolge, den wir gemeinsam erzielt haben. Wir haben unter anderem die Jahresarbeitszeit um 70 Stunden erhöht. Dafür sind die Arbeitsplätze sicher und wir übernehmen alle Auszubildenden.

Müssen grundsätzlich die Löhne runter?

Nein. Vom einfachen Arbeiter an bis weit hinauf zu den Angestellten wird nicht zu viel verdient.

Aber?

Es bringt keinen um, wenn er statt 35 Stunden 38 oder 40 Stunden arbeitet.

Das ist kontraproduktiv, sagen die Gewerkschaften, weil längere Arbeitszeit zu mehr Arbeitslosen führt.

Das ist ein Grundirrtum. Nur Unternehmen, die wachsen, können Arbeitsplätze schaffen. Aber es geht nicht nur um Arbeitszeit und Lohnkosten. Es geht um die Summe der Kosten. Dies ist der teuerste Standort der Welt. Es fängt an mit den Grundstückskosten und geht weiter über die Baukosten, die Kosten für Bürokratie und Genehmigungen, alle möglichen Reglementierungen: Jede einzelne dieser Auflagen ist in sich sicher begründbar. Aber die Summe lähmt uns.

Siemens geht doch nicht wegen der Auflagen ins Ausland, sondern wegen der höheren Gewinne.

Viele heimische Konzerne verdienen Geld im Ausland - und zwar nur im Ausland. Wir dürfen uns doch nicht in die Tasche lügen und sagen, der Standort ist in Ordnung. Das ist er eben nicht. Und Siemens-Chef Heinrich von Pierer will einen Beitrag leisten, den Standort besser zu machen. Herr Fehrenbach von Bosch hat auch sehr nachhaltig für die 40-Stunden-Woche plädiert, und ich unterstütze das. Niemand fällt ins Elend, wenn er 40 Stunden arbeitet.

Schafft länger Arbeiten mehr Arbeitsplätze?

Mehr Wettbewerbsfähigkeit. Wir sind in Deutschland gut. In vielen Bereichen sind wir aber nicht mehr so gut wie früher. Die Vorteile des Standorts überwiegen die Nachteile inzwischen nicht mehr. Die Balance müssen wir wieder in Ordnung bringen.

Offenbar ist das den Menschen kaum zu vermitteln, wie die Großdemonstrationen der vergangenen Wochen gezeigt haben.

Es ist ungeheuer schwer, Menschen zu überzeugen. Auch die Gewerkschaften müssen anders denken, die Dinge stärker reflektieren, die uns alle betreffen. Das Schlimme ist: Die Menschen trauen ihren Führungseliten nicht. „Die“ Politiker, „die“ Unternehmer, „die“ Gewerkschaftsführer. Jede Gruppe steckt in einer Schublade: Die Politiker versprechen viel und halten nichts, die Unternehmer bereichern sich schamlos und die Gewerkschafter sind Betonköpfe, wird unterstellt. Die Elite hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, und das bedrückt mich.

Ihre Kinder übernehmen in absehbarer Zeit die Führung von Trumpf. Wie sehen die die Verhältnisse in Deutschland?

Unser Jüngster war sechs Jahre in Amerika und hat sich sehr schwer getan, zurückzukommen nach Deutschland. Allgemein sind die jungen Menschen skeptischer.

Auch skeptischer, was Veränderungen anbelangt?

Die nächste Generation ist sehr ernsthaft und vielleicht etwas kühler; sie hat womöglich nicht den naiven Patriotismus wie ich. Heute sind die jungen Menschen freier und unabhängiger. Aber sie sind auch fähiger, Fremdes aufzunehmen. Ich habe einmal gesagt: Deutschland hätte kein Problem mit den 50-Jährigen und Älteren, und auch keines mit den 25-Jährigen und Jüngeren. Und die Generation dazwischen, die 68er, die müsste ein so großes Land aushalten können. Dabei habe ich übersehen, dass 70 Prozent meiner Mitarbeiter genau in dem Alter sind. Und meine Kinder auch.

Sie haben sich geirrt?

Wenn jemand in die Verantwortung kommt, dann sagt und tut er auch Anderes, als wenn er in der zweiten Reihe steht. Das sieht man ja am Bundeskanzler.

Haben Sie keine Angst, dass die im Wohlstand aufgewachsene Generation das Erbe verprasst?

Das ist eine Frage der Erziehung und eine Frage des Umgangs in einer Familie miteinander. Wir haben uns in unserer Familie einen Kodex geschaffen, der den Umgang regelt und die Maximen festlegt. Das ist eine Art Hausgesetz, das die Familie und die Firma betrifft.

Und das wird gewährleisten, dass auch die Enkel das Familienunternehmen Trumpf mit seinem Milliardenumsatz fortführen?

Das kann man nicht wissen. Der unternehmerische Besitz ist flüchtig. Ein Industrieunternehmen erfordert Disziplin und Talent, Fleiß und Hingabe. Die Führungsfähigkeit ist in erster Linie eine Frage der Haltung und nicht der Leistungsfähigkeit: die Fähigkeit, eigene Interessen zurückzunehmen und sich für andere zu engagieren, über den Tellerrand hinausblicken. Und zur Führungsaufgabe gehört auch, den Menschen zu sagen: So geht es nicht. Wir müssen auch zu Härten bereit sein. Die jungen Leute sind manchmal zu sehr auf Konsenskurs.

Worin lag der Erfolg der Führungsperson Berthold Leibinger?

Ich möchte darauf allgemein antworten. Unsere Eliten müssen mehr tun. Und zwar nicht nur das Handikap beim Golf verbessern, wie ich gerne sage. Ganz wichtig ist: Bescheiden auftreten und die Mitarbeiter spüren lassen, "Ihr seid uns wichtig". Eine Führungskraft muss mehr arbeiten, viel erklären und sich Diskussionen stellen. Anders kann man die Leute nicht überzeugen und motivieren.

Das Interview führten Alfons Frese und Ursula Weidenfeld

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