Wirtschaft : Niko Schulz

(Geb. 1941)||„Ich bin die Sonne“, sagte er in Augenblicken tiefer Bescheidenheit.

Anne Jelena Schulte

„Ich bin die Sonne“, sagte er in Augenblicken tiefer Bescheidenheit. Ich komm’ gleich wieder“, sagte er als junger Mann zu seiner Mutter. Als er ein Jahr später von seiner weiten Reise zurückkam, war sein Haar lang und wild.

Niko liebte Länder, in denen die Sonne wärmer schien und die Blüten größer waren als in der Bundesrepublik, die kein höheres Glück zu kennen schien als die Massenproduktion von Fußgängerzonen und orthopädischem Schuhwerk. Wenn er hier wohnen bleiben sollte, so beschloss er, dann musste er diesen Flecken dringend mit Farbe und Frohsinn bedecken.

Die ersten Opfer seiner Aufmunterungskur waren die Mädchen. Niko studierte Stoffdesign und entwarf Kleider, die er in einer Charlottenburger Boutique verkaufte. Von nun an wurde der Savigny-Platz mit Mädchen geziert, die seidige Kleider mit phantastischen Blüten und psychedelischen Mustern am Körper trugen. Die schönste und liebste von ihnen nahm er zur Frau. Zu seiner Hochzeit befolgte Niko, 1,90 Meter groß, den Schönheits-Rat „Unterstreiche deinen Typ“ und schlüpfte in Schuhe mit sehr hohen Absätzen. Sein Typ war nicht nur gut sichtbar, sondern auch unüberhörbar. Wenn er redete, und er redete eigentlich immer, dann folgten seine langen Arme rudernd den Schwingungen seiner Phantasie, wobei sie gerne das Tischgeschirr durchpflügten.

Mit der Zeit befriedigte es ihn nicht mehr, wohlhabende Frauen einzukleiden. Er suchte nach neuen Wegen, seine Farben unters Volk zu bringen. Ein Kunde, der Niko in seinem Atelier besuchte, ermunterte ihn, sich mehr der Malerei zu widmen.

Kurz nach diesem Gespräch erfreute sich Niko der Gunst vieler Bürgermeister, Kunstamtsleiter und Galeristen aus ganz Deutschland. Wie ihm das gelang? Ganz einfach: Er besaß wenig Scheu und einen schnellen, rosa Citroen.

Niko bekam das Geld und den Platz, um seine bunten Kunstwerke zu zeigen.

Auf seinen Bildern unterhielten sich Phantasievögel, harrten comichafte Indianer auf die Ankunft eines bebrillten Schiffes, leuchteten realistisch vorgezeichnete Landschaften in grellbunten Farben.

Am Hohenzollerndamm stellte Niko zwei große Hühner in Pluderhosen auf, die Heinz Ohff „Lachmäler“ taufte.

In Siegen umwickelte er – jawohl, vor Christo – einen Turm mit Alu-Folie, so dass der Turm plötzlich weggespiegelt war.

Auf einer grauen Hauswand in Neukölln ließ er eine futuristische Wohnsiedlung entstehen. 810 Kilogramm Farbe habe er verstrichen, meldete er glücklich.

Es war klar, dass sich irgendwann die Kreuzritter der hehren Kunst beschweren würden. „Das ist ja, als wenn einer Karajan und Fritze Bollmann in einem Atemzug nennt!“ schimpfte der Leiter des Kunstamts Wedding. Er ärgerte sich darüber, dass der Architekt eines Kinderkrankenhauses ausgerechnet Niko für eine „Kunst am Bau“-Aktion vorgeschlagen hatte, obwohl auch sehr berühmte und sehr ernste Künstler zur Verfügung standen.

Für Niko war Fritze Bollmann kein Schimpfwort, im Gegenteil. Wenn er arbeitete, standen alle Türen offen. Je mehr Leute ihm dabei zuschauten, desto besser. Wenn sie mitmachen wollten, dann war es noch besser: „Ran an’ Sarg und mitjeheult!“

Er war überzeugter Volkshochschullehrer und arbeitete gern mit Kindern. Dennoch kannte er kaum ein größeres Glück, als von der Presse gelobt oder auch nur erwähnt zu werden. Das war der Beweis dafür, dass er schaffte, was er sich vorgenommen hatte: Zu unterhalten, zu erheitern, gesehen zu werden. „Ich bin die Sonne“, sagte er in Augenblicken tiefer Bescheidenheit von sich selbst.

Ab seinem 44. Lebensjahr begannen die Dinge sich zu wenden. Er hatte einen kleinlichen Schicksalsgott erwischt, einen der sagen wollte: So, nun hast du es all die Jahre so leicht gehabt, jetzt wird bezahlt.

Ob er andere Betroffene kennen lernen wollte, fragten ihn die Ärzte, als die Parkinson-Diagnose feststand. Niko war sehr kontaktfreudig, aber hier hörte es auf. Niemand konnte ihm befehlen, dass sein neues Thema der Trübsinn sein sollte, nicht das Schicksal und auch nicht die Ärzte. Sie sollten ihn verschonen mit ihren ernsten Gesichtern und möglichst auch mit ihren Medikamenten. Er hatte selber welche: Seine Farben, seine Vögel, seine Indianer. Denen hielt er die Treue, bis zum Schluss. Auch wenn der Pinselstrich immer schwerfälliger wurde und in immer grellerem Kontrast zu seiner Farbwahl stand. Seine früheren Bilder präsentieren eine Gegenwelt zur Tristesse. Die späteren zeigen die Abwehr. Sie sind großartig.

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