Wirtschaft : Nivea bleibt deutsch

Wie die Deutschland AG die Übernahme von Beiersdorf durch Procter&Gamble verhindert hat

Edward Taylor,Sarah Ellison

Von Edward Taylor

und Sarah Ellison

Als der Nivea-Hersteller Beiersdorf im vergangenen Monat ein neues Werk in Kenias Hauptstadt Nairobi eröffnete, hatte man einen gewichtigen Ehrengast aus der Heimat eingeladen: Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Nivea ist eine der kostbarsten Juwelen Deutschlands“, sagte Schröder vor versammelter Menge.

Noch im vergangenen Oktober sah alles danach aus, als würde Deutschland dieses Juwel verlieren. Ein stattliches Paket von Beiersdorf-Anteilen stand zum Verkauf, gerade richtig für den US-Konsumgüterkonzern Procter&Gamble (P&G), der sein Geschäft mit Körperpflegemitteln erweitern wollte. Wochen später musste P&G mit leeren Händen den Rückzug antreten. In einem engen Bündnis mit der Politik hatten deutsche Wirtschafts- und Finanzmächte den US-Konzern ausgespielt.

Einige Zeit schien es, als habe sich das Netz gegenseitiger Beteiligungen und politischer Verflechtungen auch in Deutschland endgültig überlebt. Dieses auch als Deutschland-AG bezeichnete System, dachte man, sei endlich dem neuen Wettbewerb im vereinigten Europa zum Opfer gefallen. Noch im Jahr 2002 wurden das Medienimperium des Leo Kirch und der Baukonzern Philipp Holzmann trotz des persönlichen Einsatzes des Bundeskanzlers zerschlagen und von Banken und ausländischen Unternehmen aufgeteilt. Doch wie der Fall Beiersdorf gezeigt hat, bleibt das alte System in der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft noch immer eine wichtige Kraft. Die Beiersdorf-Episode lässt erahnen, was ausländische Gesellschaften auch in Zukunft zu erwarten haben, wenn sie sich in die deutsche Unternehmenswelt einkaufen wollen.

Darauf wird sich auch der französische Pharmaproduzent Sanofi-Synthélabo einzustellen haben, der derzeit an einer Übernahme von Aventis arbeitet. Der Schwerpunkt von Aventis mag in Frankreich liegen, doch das Unternehmen ging aus einer Fusion der Hoechst-Pharmasparte mit dem französischen Pharmaunternehmen Rhône- Poulenc hervor. Sanofis Versuch einer feindlichen Übernahme von Aventis ist unter den deutschen Politikern bereits auf Kritik gestoßen. Man sorgt sich um das Werk in Frankfurt (Main), wo Aventis rund 9000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Standort ist nur noch ein Überbleibsel der einst stolzen Pharmaindustrie in Deutschland. Ihr Niedergang in den vergangenen zehn Jahren spiegelt nicht zuletzt die schleppende Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen wider. Und obwohl Sanofi eine Garantie für die Arbeitsplätze abgerungen wurde, nahm sich auch Kanzler Schröder des Falles an.

Tradition seit 1882

Beiersdorf wurde 1882 vom Apotheker Paul Beiersdorf gegründet. Besonders in den vergangenen zehn Jahren wuchs das Unternehmen sprunghaft. Seit 1992 haben sich die Umsätze nahezu vervierfacht: auf 2,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Wie viele deutsche Unternehmen war Beiersdorf durch seine Großaktionäre lange Zeit vor Übernahmeversuchen sicher. Bis vor kurzem waren gerade einmal 17 Prozent des Aktienkapitals frei handelbar. Zehn Prozent wurden von der Claussen-Familie gehalten und der Kaffeeröster Tchibo besaß einen 30-prozentigen Anteil. Größter Aktionär war der Allfinanzkonzern Allianz, der mit 43 Prozent beteiligt war und bereits seit 70 Jahren Beiersdorf-Aktionär ist. Vor drei Jahren beschloss die Allianz, sich von ihren Industriebeteiligungen zu trennen und heuerte den ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Paul Achleitner als Finanzvorstand an.

Auch Procter & Gamble wurde von der Allianz über den Plan zum Verkauf der Beiersdorf-Anteile informiert. Procter&Gamble- Chef A.G. Lafley setzte sich umgehend mit Beiersdorf-Chef Rolf Kumisch in Verbindung. Kumisch arbeitete selbst 22 Jahre lang für P&G, bevor er 1991 zu Beiersdorf wechselte. Während eines gemeinsamen Abendessens wurden Kumisch und seiner Ehefrau Stellen bei P&G für den Fall einer erfolgreichen Übernahme zugesichert, berichten Insider. Die Kontakte schreckten die 4800 Beiersdorf-Beschäftigten auf. Bei einer Übernahme durch Procter&Gamble, so drohten die Arbeitnehmer, würde man mit ihren Stimmen im Aufsichtsrat die Wahl eines neuen Vorstands blockieren. „Wer in Deutschland mit einer Übernahme erfolgreich sein möchte, muss sich auch an unsere Regeln halten“, sagt Jürgen Krause, der als Arbeitnehmervertreter im Beiersdorf-Aufsichtsrat sitzt.

Die Amerikaner standen noch vor weiteren Hürden: Da sich der Allianz-Anteil nur auf 43 Prozent belief, musste man für eine Übernahme noch andere Aktionäre zum Verkauf bewegen. Im Oktober machte sich eine P&G-Delegation auf den Weg nach Hamburg, um mit Tchibo-Chef Dieter Ammer über einen Anteilsverkauf zu verhandeln. Doch der Tchibo-Boss blockte ab: „Wenn Sie Beiersdorf kaufen wollen, werden wir Ihnen dabei im Wege stehen“, sagte er den amerikanischen Besuchern.

Schnell hatte Ammer Unterstützung von der Stadt Hamburg. Bürgermeister Ole von Beust fürchtete, dass ein ausländischer Übernehmer Arbeitsplätze abbauen würde. Eingeweihte berichten, dass von Beust an den Bundeskanzler und andere Politiker herantrat, um den Verkauf an P&G zu verhindern. In der Münchner Allianz-Zentrale sollen darauf Anrufe aus Berlin eingegangen sein, die Achleitner dringend um eine „deutsche Lösung“ baten.

Applaus in der Zentrale

Am 14. Oktober sprach sich der P&G-Vorstand für weitere Verhandlungen mit der Allianz aus. Doch nur wenige Tage später legte Tchibo-Chef Ammer der Allianz einen Plan vor, der Beiersdorf letztlich vor dem Zugriff aus dem Ausland retten sollte. Ende Oktober war der Deal perfekt: Tchibo würde das Beiersdorf-Paket der Allianz zur Hälfte kaufen. Der Rest solle an eine Beteiligungsgesellschaft der Stadt Hamburg sowie zurück an Beiersdorf selbst und an die Pensionskasse des Unternehmens gehen. Am Morgen nach der Übereinkunft wurde Ammer mit Applaus in der Hamburger Beiersdorf-Zentrale empfangen.

Dem Jubel folgte eine Zeit der Ungewissheit. Einzelne Aktionäre hatten bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht eine Untersuchung gefordert, weil ihnen zu Unrecht kein Übernahmeangebot gemacht worden sei. All dies schwelte noch, als Kanzler Schröder in Kenia die Werkseröffnung besuchte. Am 23. Januar gab die Behörde dann grünes Licht: Beiersdorf bleibt deutsch.

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