Wirtschaft : Noch auf wackligen Beinen

PETER BOLM

Aktionäre von Brau und Brunnen schöpfen wieder HoffnungVON PETER BOLM

"Treten Sie zurück, Herr Martini", rief Jörg Pluta, Vertreter der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz, in den Saal.Die Aktionäre des Getränkekonzerns Brau und Brunnen, die auf der Hauptversammlung im Palais am Funkturm am Mittwoch eine Rechnung zu begleichen hatten, dankten es ihrem Vorredner mit stürmischem Beifall.Eberhard Martini, Aufsichtsratsvorsitzender des krisengeschüttelten Getränkeriesen und gleichzeitig Vorstandssprecher des Hauptaktionärs Bayerische Hypotheken- und Wechselbank AG, mußte die Rolle des Prügelknaben spielen, weil die Verantwortlichen Vorstände Friedrich Ebeling und Jürgen Pahl schon Anfang des Jahres wegen ihres anhaltenden Mißmanagements geschaßt worden waren. Um der peinlichen Situation zu entgehen, als Vorstand nicht entlastet zu werden, hatte man sich kurzfristig auf den Kunstgriff geeinigt, die Entlastung zu vertagen.Noch stehen Gerüchte und Vorwürfe im Raum, daß zum Nachteil der Gesellschaft zu hohe Rechnungen ausgestellt und auch bezahlt wurden.Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits in neun Fällen.Um den Zorn der aufgebrachten Aktionäre zu dämpfen, wurde mitgeteilt, daß Ebeling außer der ihm zustehenden Altersversorgung weder eine Abfindung noch eine Gehaltsfortzahlung bis zum Auslaufen der Verträge im Herbst erhält. Dennoch sparten die Aktionäre nicht mit Kritik.Die Vorwürfe: "400 Millionen in den Sand gesetzt, Rücklagen aufgezehrt, schlecht finanzierte Expansionspolitik und ein Aktienwert, der heute niedriger ist als vor zehn Jahren".Dem Nachfolger auf dem unbequemen Chefsessel im Vorstand, Rainer Verstynen, wurde zwar eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt.Doch auch er mußte sich sagen lassen, als Branchenfremder insbesondere in dieser schwierigen Situation wieder einen Risikofaktor für den schwer angeschlagenen und lange Zeit konkursgefährdeten Konzern darzustellen.Der 53jährige Verstynen leitete zuletzt sieben Jahre lang das Textilunternehmen Dierig Holding AG. Vor den frustrierten Getränke-Aktionären, die erneut auf eine Dividende verzichten müssen, trat der frischgekürte Konzernchef am Mittwoch in Berlin die Flucht nach vorn an.Seine Bilanz erhärtete die bekannten Fakten: Ein Einbruch bei Bier und alkoholfreien Getränken um 7 Prozent und dem anschließenden Umsatzrückgang um 5 Prozent auf nur noch knapp 2 Mrd.DM im zurückliegenden Geschäftsjahr.Noch bitterer die Ergebniszahlen.Im Konzern wurde ein Verlust von 229 Mill.DM, in der AG von 179 Mill.DM ausgewiesen.Doch was wäre ein neuer Vorstand - an der Seite Verstynens wird Branchenkenner Klaus Schäfer den Bereich Marketing und Vertrieb übernehmen - ohne eine Perspektive. Die positiven Nachrichten zuerst: Schon in der 96er Bilanz ausgewiesene Rückstellungen in Höhe von 197 Mill.DM sollen das Polster für den Start in die Zukunft bilden.Die in der Spitze auf 850 Mill.DM explodierten Bankschulden sollen bis Ende des laufenden Jahres auf 600 Mill.DM abgebaut werden.Die Verluste, die Mitte 1997 bereits auf weniger als 20 Mill.DM schrumpften, will Verstynen ganz aus der Welt schaffen.Schon für 1998 verspricht der neue Konzernlenker ein ausgeglichenes operatives Ergebnis.Die schlechte Nachricht: Zu den vielen Verkäufen, die die Rückbesinnung auf das deutsche Kerngeschäft zum Ziel haben, gehört auch die traditionsreiche Hamburger Bavaria-St.Pauli Brauerei.Sie soll mit allen Maschinen, dem Grundstück, sowie den Lieferrechten und den Marken Astra und Elbschloß an die dem Hamburger Senat nahestehende Gesellschaft für Beteiligungsverwaltung gehen. Den Geschäftsbereich Immobilien will Verstynen künftig zur Chefsache machen.Ein erster Deal: Der Verkauf von 50 Grundstücken und Gebäuden an die Hypo-Real - eine Tochter von Bayern-Hypo und Dresdner Bank - zum Preis von über 100 Mill.DM.Am Engagement in den neuen Ländern, das bisher 500 Mill.DM gekostet hat, will Verstynen nicht rütteln.Die Zahl der Biermarken möchte der Konzern verringern, seine Marktstellung aber mit jedem Liter verteidigen.Den Aktionären gab der neue Chef mit auf den Weg: "Der Patient hat die Intensivstation verlassen.Er steht zwar noch auf wackligen Beinen.Aber er steht".

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