Wirtschaft : Noch ein Mischkonzern wird geteilt: das Essener Unternehmen trennt sich von Telefon, Bau und Druck

ews/jsn

Der Essener RWE-Konzern konzentriert sich. In Zukunft werden bei dem Unternehmen Energie und energienahe Dienstleistungen ganz oben stehen. Das bestätigte der Aufsichtsrat des Unternehmens am Donnerstag in Essen - und verabschiedete die Neuordnung im Vorstand der Holding gleich mit. Danach wird der Holding-Vorstand von elf auf fünf Mitglieder verkleinert. Die Töchter Hochtief AG und Heidelberger Druck AG werden nur noch als Finanzbeteiligungen geführt. Über kurz oder lang werden sie wohl verkauft - auch wenn es aktuell keinen Handlungsbedarf gebe. Bis 2010 soll die führende Position als größter privater Energieversorger auf dem Heimatmarkt Europa ausgebaut werden.

Der Jahresabschluss 1998/99 (30.6.) der RWE AG, Essen, rechtfertigt den Ruf von Vorstandschef Dietmar Kuhnt als "Mister Zehn Prozent": Das Nettoergebnis wuchs um 15,1 Prozent auf 1,15 Milliarden Euro wieder zweistellig. Dazu trugen neben einem verbesserten betrieblichen Ergebnis auch Sondereffekte - wie der Verkauf der Festnetztochter Otelo - bei. Der Konzernumsatz stieg dagegen nur um 2,4 Prozent auf 38,4 Milliarden Euro. Vorstand und Aufsichtsrat schlagen der Hauptversammlung vor, eine Dividende von einem Euro je Stückaktie zu bezahlen. Im Vorjahr waren 0,87 Euro sowie ein Jubiläumsbonus von 0,05 Euro ausgeschüttet worden.

Für die Zukunft wird bei RWE ein Umsatz im Kernbereich von 150 Milliarden Mark - bisher knapp 21 Milliarden Mark - angepeilt. Das entspräche einem Marktanteil zwischen zehn und 15 Prozent auf dem eine Billion Mark schweren Markt. Dies ist aus eigenem Wachstum nicht zu schaffen. Deshalb will RWE in den kommenden Jahren jährlich mindestens fünf Milliarden Mark für Zukäufe ausgeben.

Schon in den nächsten Monaten will der Versorger einen großen Coup landen, hat RWE-Vorstandsvorsitzender Kuhnt angedeutet. Ziel ist es, die eklatanten Schwächen bei Öl und Gas zu beheben. Wie aus Branchenkreisen zu hören ist, wird schon mit dem englischen Konkurrenten PowerGen plc geliebäugelt. PowerGen ist mit 55 Milliarden Kilowattstunden (kWh) zweitgrößter britischer Stromversorger nach National Power mit 60 Milliarden kWh. Auf RWE Energie entfallen 138 Milliarden kWh, und im Verbund kommt der Konzern auf knapp 170 Milliarden kWh. Bei einer Eingliederung von PowerGen würde der neue Marktführer Veba/Viag (180 Milliarden kWh) wieder auf Rang zwei zurückfallen.

Eine Übernahme von PowerGen hat nicht zuletzt deshalb Charme, weil das Unternehmen in den USA auch über Erdgas-Aktivitäten verfügt und für weitere zehn Milliarden Mark Käufe in Nordamerika plant. Die USA als weltweit größter Energiemarkt besitzen auch für das Essener Unternehmen mit seinen Ambitionen in der Europa-Liga Anziehungskraft. Ein Engagement im amerikanischen Markt setzt eine Kooperation voraus. Zudem gibt es Berührungspunkte in Deutschland. PowerGen ist mit einem Drittel am ostdeutschen Braunkohleproduzenten Mibrag beteiligt. Der RWE-Tochter Rheinbraun gehört die benachbarte, größere Laubag. Bei der nach der Fusion von Veba und Viag anstehenden Neuordnung der ostdeutschen Energiewirtschaft könnte RWE die Gewinnung und Verstromung der Braunkohle in eine Hand bekommen.

Kuhnt hat die Kriterien für die Sieger am Energiemarkt der Zukunft vorgegeben. Dazu gehören Preisführerschaft, Optimierung des Vertriebs und das ausgefeilte Management von Risiken. An diesen Zielen richtet sich die neue Konzernorganisation mit den fünf Sparten aus: Vorstandsvorsitz (Dietmar Kuhnt), Finanzen und Controlling (Klaus Sturany, der den zur Deutschen Bank wechselnden Clemens Börsig zum 1. 12. ablöst), Personal und Recht (Jan Zilius), Konzern- Entwicklung und -Systeme (Richard Klein) sowie Multi Energy und Multi Utility (das sind Energieversorgung und -dienstleistungen, Manfred Remmel). Klein wird als letzter kommunaler Vertreter im Spitzenmanagement des Konzerns bleiben.

Die übrigen Vorstandsmitglieder - Rudolf Schwan (bisher Aussenbeziehungen), Thomas Geitner (Otelo, das im Sommer verkauft wurde), Dieter Dräger (RWE-DEA), Dieter Henning (Rheinbraun), Hartmut Mehdorn (wechselt von Heidelberger Druck auf den Chefposten bei der Deutsche Bahn AG) und Hans-Peter Keitel (Hochtief) scheiden einvernehmlich aus, heißt es.

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