Wirtschaft : Noch ist der Aufschwung möglich

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Von Carsten Brönstrup

Die Rutschpartie wird dramatischer. Seit März 2000 hält der Abwärtstrend an den Finanzmärkten an, in den USA wie in Europa, Japan und der übrigen Welt. Seit Freitag verlor der Dax in Frankfurt mehr als acht Prozent, Milliarden Euro Anlegerkapital wurden binnen Stunden vernichtet. Längst ist die Euphorie der Agonie gewichen – und der Frage: Wann erreicht der Abschwung die Realwirtschaft? Macht die Bärenstimmung an den Börsen den Aufschwung zunichte, den die Wirtschaftsforscher seit Monaten beharrlich für die zweite Hälfte dieses Jahres ankündigen? Wird dem Crash eine Weltwirtschaftskrise folgen, so wie 1929?

Trotz aller Dramatik, Pleiten und Bilanzskandale ist die Lage immer besser als die Stimmung. Wie es weitergeht und ob die Baisse zum Konjunkturkiller wird, ist vor allem eine Frage der Psychologie. Zweifellos sind das Schicksal der Finanzmärkte und das der Unternehmen heute enger miteinander verknüpft als je zuvor. Bis vor zweieinhalb Jahren haben Konzerne und junge Firmen ihr Wachstum über die Börse finanziert. Und die Bürger wiederum steckten einen großen Teil ihres Vermögens in Aktien, sorgten damit für ihr Alter vor oder erfüllten sich Konsumwünsche. Doch Amerika und Deutschland trennen in diesem Punkt Welten – in den USA ist die Abhängigkeit von den Kapitalmärkten viel größer als hier zu Lande. Zudem haben sich alle großen Bilanzskandale und betrügerischen Pleiten bislang auf die USA konzentriert, das Vertrauen in die Märkte, in den Kapitalismus an sich ist in Europa noch kaum erschüttert.

Auf die Baisse muss daher nicht zwangsläufig eine Rezession folgen. Das haben die Deutschen selbst in der Hand. Sie müssen selbstbewusst und aus eigener Kraft mehr Wachstum erreichen, wenn die USA als Konjunkturmotor ausfallen. Wenn als Folge der deutsche Export nachlässt, muss eben eine andere Säule den Aufschwung tragen: zum Beispiel der Konsum. Daraus wird aber nichts, wenn die Deutschen ihr Geld zusammenhalten und den Aufschwung kaputtjammern. Zur Not muss die Politik dafür sorgen, dass die Stimmung besser wird – und sich an die alte Weisheit erinnern, dass Konjunktur zur Hälfte aus Psychologie besteht.

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