Wirtschaft : Noch ist der Dollar am Leben

Für einen Crash der Währung ist die Abwertung noch zu langsam

Michael R. Sesit

Wie ein alkoholisierter Weihnachtsmann, der am Heiligen Abend durch den Schornstein poltert, schlitterte der Dollar zuletzt in die Tiefe. Investoren, Ökonomen und Händler mussten mit ansehen, wie die US-Währung im Dezember sogar gegenüber dem angeschlagenen argentinischen Peso an Boden verlor. Inzwischen fragt man sich auch bei den Zentralbanken, ob der Dollar Gefahr läuft, regelrecht einzubrechen. Die Antwort lautet wahrscheinlich: nein. Was nicht heißt, dass der Dollar nicht noch weiter fallen wird.

Am vergangenen Freitag stieg der Euro auf einen Kurs von 1,2868 Dollar. Der Greenback sackte damit auf ein neues Allzeittief. Dies markierte auch ein Elf-Jahres-Tief gegenüber dem britischen Pfund und den niedrigsten Stand seit Jahren gegenüber den Währungen von Kanada, Japan, der Schweiz und Australien. Gegenüber dem Euro verlor er bisher gut sieben Prozent seit dem 1. Dezember, fast 23 Prozent seit dem Beginn des letzten Jahres und rund 40 Prozent seit Anfang 2002. Von seinem bisherigen Rekordhoch gegenüber dem Euro im Oktober 2000 ist der Dollar um mehr als 50 Prozent abgesackt.

Spezialisten vom Bankhaus Bear Stearns in London sehen damit den Boden noch nicht erreicht und sagen einen Euro-Stand von 1,40 Dollar für Ende 2004 voraus. Dabei sei bereits berücksichtigt, dass sich der Euro selbst nicht in Höchstform präsentiert. „Alles was dem Euro im Moment hilft, ist, dass er international das einzige Gegengewicht zum Dollar ist“, sagt Chef-Währungsexperte Steve Barrow. „Aber mehr braucht der Euro derzeit auch nicht.“ Ob man in solchen Vorhersagen bereits einen Dollar-Zusammenbruch sehen kann, ist zweifelhaft.

Dirk Morris, Leiter der Währungsabteilung bei Putnam Investments in Boston, will von einem Dollar-Crash erst sprechen, wenn die Währung in drei bis sechs Monaten mindestens 20 Prozent verliert. Noch zurückhaltender ist Stephen Jen, oberster Währungsanalyst bei Morgan Stanley in London: Von einem Dollar-Crash könne man erst sprechen, wenn der Greenback gegenüber dem Euro über längere Zeit fünf Prozent monatlich fällt oder wenn er gegenüber dem am Währungskorb der Zentralbank orientieren Außenhandelsindex stetig drei Prozent monatlich einbüßt. Daran gemessen, hat er in den letzten 24 Monaten aber nur durchschnittlich ein Prozent verloren. „Erst wenn der Dollar dreimal schneller fällt, ist das ein Crash“, sagt Jen. „Bislang ist es die ruhigste Dollar-Korrektur in der jüngeren Geschichte.“

Mehr Gefahren für die Dollar-Entwicklung sieht George Magnus, Chefökonom der Investmentabteilung von UBS in London: Bei anhaltender Kursschwäche könnten ausländische Investoren ihre US-Beteiligungen abstoßen. Und sollte sich China entscheiden, von der Dollar-Orientierung der Landeswährung Yuan auf die Koppelung an einen Währungsmix umzusteigen, wäre dies ein bedeutendes Zeichen. „Die Botschaft an die Märkte und an andere Zentralbanken in Asien wäre gewichtig“, sagt Magnus, der die Wahrscheinlichkeit eines Dollar-Crashs mit 50 bis 60 Prozent bewertet. „Für den Dollar dürfte dies der Gnadenstoß werden.“

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