Wirtschaft : Noch keine Spur von der Expo-Euphorie

KLAUS WALLBAUM

HANNOVER .In der hannoverschen Expo- Gesellschaft freut man sich schon auf den bevorstehenden Weihnachtsrummel, denn der nahende Heilige Abend könnte den Vorverkauf für Eintrittskarten zur Weltausstellung ankurbeln - und das wäre endlich ein Erfolgserlebnis für das Team der Expo-Chefin Birgit Breuel.

Die Sehnsucht nach guten Nachrichten in der Expo-GmbH ist verständlich, nach all den Hiobsbotschaften über rote Zahlen, überlastete Manager, unausgereifte Konzepte und uneinige Aufsichtsratsmitglieder.Bis zur Weltausstellung im Juni 2000 vergehen nicht mal mehr 600 Tage, doch das passende Image für eine derartige Veranstaltung fehlt immer noch."Bei allen guten Sachen findet man noch immer ein Haar in der Suppe", sagte kürzlich ein SPD-Landtagsabgeordneter aus dem Süden Niedersachsens.Tatsächlich ist die niedersächsische Landeshauptstadt bisher nicht gerade der Ort einer Quelle der Expo-Euphorie gewesen.Viele in Hannover fragen sich immer noch, was sich eigentlich hinter dem Expo-Motto "Mensch, Natur, Technik" verbirgt.

Seit dem Sommer kommt noch eine weitere bange Frage hinzu: Wird die Ausstellung ein Zuschußgeschäft für den Steuerzahler? Mittlerweile gesteht die Expo-Führungsriege Fehler in der Kalkulation ein.Hatte die Expo-Chefin zunächst angepeilt, eine "schwarze Null" zu erreichen, so wird inzwischen eingeräumt, man brauche wohl eine zusätzliche Finanzspritze.Da der Kartenvorverkauf nicht wie zunächst erhofft anläuft, stellen Bund und Land Niedersachsen zunächst weitere 400 Mill.DM bereit.Außerdem läuft alles darauf hinaus, daß Bonn und Hannover die Bürgschaften von bisher 970 Mill.DM noch einmal erweitern.

Je näher der Termin der Expo-Eröffnung rückt, desto klarer wird, wie fragwürdig die ersten Berechnungen gewesen sind.Die Weltausstellung kostet etwa drei Mrd.DM, und eine Hälfte davon soll über das Engagement der Industrie und von der öffentlichen Hand aufgebracht werden.Die andere Hälfte glaubte die Expo-Führung bislang über den Verkauf der Eintrittskarten erzielen zu können.1,6 Mill.DM könnten so in die Kasse gelangen, hieß es.Der Stückpreis beträgt 69 Mark, und 40 Mill.Gäste werden zwischen Juni und Oktober 2000 in der niedersächsischen Landeshauptstadt erwartet.

Die Ernüchterung kam prompt: Weil der Kartenvorverkauf schleppend anlief (etwa 35 Mill.DM hat man angeblich bisher auf diesem Wege eingenommen), geriet die GmbH in Finanzschwierigkeiten und wandte sich hilfesuchend an Land und Bund.Mittlerweile wird von der Expo selbst eine ebenso simple wie überzeugende Erklärung für die Probleme gegeben: Wer kauft denn schon eine Eintrittskarte für ein Ereignis in zwei Jahren? Noch dazu an einem bestimmten Tag im Jahr 2000? Der Gedanke war sinnvoll, denn nichts wäre besser geeignet, den An- und Abreiseverkehr zur Expo zu kanalisieren und Überfüllungen an bestimmten Tagen auszuschließen.

Niedersachsens Landesrechnungshof fertigte im vergangenen Monat einen (noch geheimen) Bericht über die Expo an, der Breuel und ihren Mitstreitern nicht gerade schmeichelt.Die Geschäftsführung habe den Aufsichtsrat über die Finanzprobleme zu spät informiert, der Aufsichtsrat (in dem bisher auch Gerhard Schröder als Ministerpräsident gesessen hat) sei seiner Kontrollfunktion nicht immer nachgekommen und die Schätzungen der Besucherzahl sei "zu hoch gegriffen".Inzwischen haben sich Land und Bund vorsichtig an die Wirklichkeit herangetastet, sie gehen nun von vier Mill.weniger Besuchern aus, und eine Risikovorsorge für die Einnahmeverluste von 160 Mill.DM wird in die Kalkulation auch übernommen.

Selbst die Expo-Geschäftsführung räumt nun ein, daß weniger Expo-Freunde kommen werden.Es könnte ja wieder ein verregneter Sommer werden, heißt es, außerdem gibt es Konkurrenz: In London soll das größte Riesenrad der Welt die Menschheit begeistern, und im Rom ist außerdem das "heilige Jahr".Damit die Expo ihren Reiz behält, soll auf keinen Fall die "strikte Sparvariante" greifen.Bund und Land wollen diesen Weg schon deshalb nicht gehen, weil sich Ausgabekürzungen ungünstig auf den Ruf der Expo auswirken könnte.

Breuel verkündet stets mit Stolz, daß 170 Länder kommen und eigene Pavillons beziehen wollen.Eine so starke Beteiligung hat es noch bei keiner Weltausstellung gegeben.Die Verhandlungen mit den Regierungen erfordern diplomatisches Geschick.Viele Staaten wollen nicht, daß ihre Pläne für die Hallen zu früh bekannt werden.Einige Überraschungen sind auch dabei - so erwägt Japan, eine Halle aus Papier aufzustellen.Die Expo scheut sich, spektakuläre Projekte vorzustellen.Die Staaten könnten verschreckt werden und absagen.Aber weil sich die Expo-Führung zurückhält, läßt sich mit den Plänen auch nicht die Werbetrommel für die Weltausstellung rühren.

Verhandelt werden muß auch mit weltweit operierenen Firmen wie Coca-Cola oder McDonalds.Solche Unternehmen sollen dafür, daß sie das Expo-Symbol in ihren Markennamen übernehmen, einen Sponsorenbeitrag von je 30 Mill.DM entrichten.Diese wesentliche Finanzierungssäule für die Expo steht bislang noch nicht, die Gespräche mit den Konzernen laufen.Acht "Weltpartner" hat die Expo bereits unter Vertrag genommen, doch allgemein wird bedauert, das seien noch zu wenige.Der Verkauf der Fernsehlizenzen muß noch organisiert werden, und über die Logistik wird auch noch gesprochen.Durchschnittlich 260000 Besucher sollen zwischen Juni und Oktober 2000 jeden Tag auf dem Expo-Gelände im Süden Hannovers verweilen.Immerhin können die Hannoveraner heute schon genauer als noch vor einigen Monaten ermessen, was sie erwartet.Die Baugrube für die "Arena", den zentralen Veranstaltungsplatz für die Expo, ist ausgehoben, und einige der neuen Expo-Hallen sind auch schon fertig.Woran es noch mangelt, ist ein positives oder erwartungsvolles Expo-Gefühl in dieser Stadt.Die gebürtige Hamburgerin Breuel, die schon in ihrer Zeit als niedersächsische Finanzministerin und später als Treuhand-Chefin immer kühl und sachbezogen gearbeitet hat, ist als Expo-Verkäuferin denkbar ungeeignet.Für ihre Kollegen im Vorstand der Gesellschaft gilt das ebenso.Und daß die Stadt Hannover an verschiedenen Stellen versucht hat, der Expo mit deftigen Gebühren die Arbeit zu erschweren, prägt eher das Bild einer kleinkrämerischen Veranstaltung.

Auch die jahrelangen Debatten um das Führungspersonal haben die Expo-GmbH in Verruf gebracht.Dutzende Manager haben in den vergangenen Jahren ihren Abschied genommen.Breuel sticht heraus, sie wird akzeptiert und geschätzt.Doch den Dreh, wie die Expo in Hannover endlich in freundliche Schlagzeilen kommen kann, hat auch sie noch nicht gefunden.

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