Wirtschaft : Noch mehr Aufschwung

Wirtschaftsforscher korrigieren Prognosen nach oben – und erwarten mehr als 700 000 neue Stellen bis Ende kommenden Jahres

Carsten Brönstrup,Stefan Kaiser

Berlin/Frankfurt am Main - Ein Ende des starken Aufschwungs in Deutschland ist nicht in Sicht. Mehrere Ökonomen erhöhten am Donnerstag ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr. 2008 dürfte sich das Wachstum sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Damit könnten mehr als 700 000 neue sozialversicherungspflichtige Stellen entstehen, erwartet das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Die Notenbanken in Europa und den USA signalisierten allerdings die Bereitschaft, die Zinsen zu erhöhen.

Bislang hatten einige Wirschaftsforscher gefürchtet, dass sich das Wachstum 2008 wegen der langsameren Gangart der Weltwirtschaft ein wenig abschwächen würde. Dank der Arbeitsmarkterholung und den hohen Investitionen der Unternehmen werde aber die Binnenwirtschaft zu einer immer stärkeren Stütze, heißt es nun beim HWWI. „Wir können von einer robusten Konjunktur sprechen, weil auch 2008 ein gutes Jahr werden wird für Deutschland“, sagte Institutschef Thomas Straubhaar. Die Verbraucher hätten dank der höheren Beschäftigung mehr Geld in der Tasche. Die höhere Mehrwertsteuer seit Jahresanfang hinterlasse dagegen nur eine kleine Delle.

Für den Arbeitsmarkt bedeute dies eine weitere Entspannung. 2007 werde es 500 000 und 2008 weitere 220 000 neue Stellen geben. Insgesamt wären dann im kommenden Jahr im Schnitt 3,45 Millionen Menschen ohne Arbeit. Ähnlich zuversichtlich sind die Volkswirte des Allianz-Konzerns. In einigen Regionen Süddeutschlands könne man bereits von Vollbeschäftigung sprechen, erklärte Allianz-Chefökonom Michael Heise. Er erwartet im kommenden Jahr sogar 2,5 Prozent Wachstum. Wie die „Financial Times Deutschland“ meldet, gehen die Ökonomen der fünf führenden Wirtschaftsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten ebenfalls von dieser Marke aus – in diesem und im nächsten Jahr. Ihre Expertise erscheint kommende Woche.

Die Regierung hatte vor kurzem signalisiert, dass sie ihre Wachstumsprognose ebenfalls anheben will. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) zufolge wird mindestens eine Zwei vor dem Komma stehen. Um die Bürger am Aufschwung zu beteiligen, schlug HWWI-Chef Straubhaar einmalige Steuergutschriften vor. „Das zeigt, dass der Staat nicht nur nimmt, sondern in guten Zeiten auch geben kann.“ Eine solche Gutschrift wäre eine „sehr kluge Ergänzung zur Unternehmensteuerreform“.

Die guten Wirtschaftsdaten schüren zugleich die Sorge der Europäischen Zentralbank (EZB) um eine anziehende Inflation. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet warnte am Donnerstag vor „Aufwärtsrisiken“ bei der Preisstabilität. Den wichtigsten Leitzinssatz ließ die Bank zwar bei 3,75 Prozent unverändert. Trichet deutete aber an, dass die Notenbank für Juni eine Zinserhöhung plant. „Ich werde nichts sagen, was die Erwartungen für die nächsten beiden Monate verändern wird.“ Die EZB werde die Inflationsrisiken „sehr genau beobachten“. Mit dieser Formulierung pflegt die Bank eine Zinserhöhung in zwei Monaten anzukündigen.

Die Angst vor steigenden Zinsen verunsichert die Aktienmärkte. Bereits am Mittwochabend war bekannt geworden, dass sich die US-Notenbank Fed eine weitere Zinsanhebung vorbehält. Bisher waren die Anleger wegen der schwächeren amerikanischen Wirtschaft von sinkenden Zinsen ausgegangen. Der Deutsche Aktienindex Dax verlor zwischenzeitlich fast ein Prozent und erholte sich erst kurz vor Handelsschluss etwas. Es blieb am Donnerstag ein Minus von 0,14 Prozent auf 7143 Punkte.

„Mit einer Zinssenkung in Europa kann man sobald nicht rechnen. Das sollte sich belastend auf den Aktienmarkt auswirken“, sagte Markus Reinwand, Aktienstratege der Landesbank Hessen-Thüringen, dem Tagesspiegel. Dass der Aktienmarkt bisher kaum auf die steigenden Zinsen reagiert habe, liege an den robusten Unternehmensgewinnen. Diese würden aber im laufenden Jahr wohl nicht mehr für positive Überraschungen sorgen. Auch die guten Konjunkturaussichten hätten die Aktienmärkte schon vorweggenommen. „Der Aufwärtstrend wird sich nicht fortsetzen“, sagte Reinwand. Er erwartet einen Dax-Rückgang bis Jahresende auf 6000 Punkte. Andere Beobachter sind optimistischer. Sören Wiedau von der Weberbank sieht in der Zinsentwicklung keine große Belastung für den deutschen Aktienmarkt. „Den Unternehmen geht es gut“, sagte der Portfoliomanager. „Die Gewinnentwicklung könnte die Zinsproblematik überspielen.“ Der Dax könne zum Jahresende bei 7400 bis 7500 Punkten liegen .

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