Nokia : „Dat Spiel kennen wa doch“

Nokia will sein Werk in Bochum schließen. Die Mitarbeiter kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Viele tun das nicht zum ersten Mal.

Jens Tönnesmann[Bochum]

Murat Güngör kämpft. Die Worte kommen ihm nur langsam über die Lippen. Als ob sie sich verhakt haben zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Wut. „Seit meinem 15. Lebensjahr arbeite ich bei Nokia. Seit 1989“, sagt er, und seine Stimme stockt. „Aber wie lange noch?“

Dunkle Wolken hängen über dem Nokia-Werk in Bochum, vom Himmel tropft ein schwerer, kalter Regen. 2300 Jobs fallen weg, wenn Nokia das Werk wie angekündigt zur Jahresmitte dichtmacht. Wegen „fehlender Wettbewerbsfähigkeit“, wie der Konzern erklärt hat. Aber noch ist es nicht so weit. Murat Güngör aus Wanne-Eickel harrt vor dem Werkstor aus, es geht schließlich um die Zukunft seiner Familie. Güngör kämpft um seinen Job – und mit ihm der ganze Pott.

Nokia, dessen Werbeslogan „Connecting people“ lautet, schweißt die Stadt, ja das ganze Ruhrgebiet zusammen – ob in Kneipen oder Schrebergärten. Zur Großdemo am Dienstag werden 20 000 Teilnehmer erwartet, darunter IG-Metall-Chef Berthold Huber. Selbst eine Pressekonferenz im Rathaus wird zur Kundgebung. „Nokianer“ und befreundete „Opelaner“ haben die Tribüne des Sitzungssaals besetzt, Aktivisten und aufgebrachte Bürger sind gekommen und haben Protestbanner ausgerollt. „Wir sprechen mit Nokia nicht über einen Sozialplan“, ruft die Bochumer IG-Metall-Bevollmächtigte Ulrike Kleinebrahm ins Publikum und erntet tosenden Applaus, „wir reden mit denen über den Erhalt des Standorts!“

Deswegen geht der Betrieb auf dem Werksgelände erst mal weiter. Nur die für das Wochenende eigentlich geplanten Sonderschichten hat der Betriebsrat abgelehnt. Unter der Woche strömen dagegen zu den Schichtwechseln weiterhin die Nokia-Mitarbeiter durch die Tore, hin zum „Nokia-Bahnhof“, wo die „Nokia-Bahn“ schon wartet. Überall: Nokia. Undenkbar, dass das vorbei sein soll.

Natürlich weiß man im Revier um die grausame Logik der Globalisierung, die Konzernen diktiert, neue Standorte zu suchen, wenn die alten Verluste einfahren. Längst hat man sich an sterbende Zechen und darbende Autokonzerne gewöhnt. Aber vom Vorzeigeunternehmen Nokia, das sogar soziale Projekte in Bochum gesponsert hat, hat man das nicht erwartet. „Nokia ist nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber und Steuerzahler“, meint Bochums Bürgermeisterin Ottilie Scholz, „sondern auch eine Antwort auf den Strukturwandel, den es hier gegeben hat!“

Und Nokia geht es blendend. Der Weltmarktführer verkaufte zuletzt mehr Mobiltelefone als seine Konkurrenten zusammen. „Wir haben hier ständig Sonderschichten gefahren“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach. Auch die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben ist empört: „Nokia hat hier nachhaltig Gewinne erwirtschaftet. Man kann einfach nicht behaupten, dieser Standort würde sich nicht rechnen“, schimpft die CDU-Politikerin.

Nokia hat zudem Subventionen in zweistelliger Millionenhöhe kassiert. NRW- Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat die Finnen deswegen eine „Subventionsheuschrecke“ genannt. Metallerin Kleinebrahm fühlt sich „belogen“ und „verarscht“: „Hier geht es doch nur darum, den letzten Cent Profit herauszuholen.“

Michael Schulz, Schichtleiter bei Nokia, hat das Unglück bereits kommen sehen. „Schon als die 2007 gesacht haben, da in Rumänien wird ’n Werk gebaut“, erzählt Schulz, „da hab ich nur gedacht: Dat Spiel kennen wa doch.“ Drei Firmen hat der 35-Jährige schon in die Pleite begleitet. Sein Lebenslauf spiegelt den Strukturwandel der letzten Jahre wider. Zu Beginn der Neunziger heuerte Schulz bei der Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort an. Da lag der Bergbau aber bereits im Sterben. Die Förderung war zu teuer geworden. Von den nahezu 500 000 Arbeitsplätzen, die es in den fünfziger Jahren in den Zechen gegeben hatte, sind heute knapp 25 000 übrig.

Schulz musste gehen und wechselte 1994 zu einer Siemens-Tochter in Düsseldorf. Als auch dort Kündigungen anstanden, rettete er sich zur Handyproduktion nach Kamp-Lintfort. Das war Ende der Neunziger. Schulz arbeitete sich hoch, vom Maschinenführer zum technischen Einrichter. Oben angekommen, wurde er entlassen. Das war 2006, ein Jahr, nachdem BenQ die Handysparte von Siemens übernommen hatte. „Dat war traurig. Dat waren ja alles Freunde da“, sagt Schulz. „Heute sind die über alle Welt verstreut am Malochen.“

Schulz und rund 30 andere BenQ-Mitarbeiter kamen bei Nokia unter. Schulz stemmte eine Nachtschicht nach der anderen. Auch am vergangenen Dienstag verließ er morgens um sieben das Werk, fuhr nach Hause und legte sich aufs Ohr. Bis ihn seine Frau gegen elf Uhr weckte: Nokia macht zu. Im Fernsehen sah Schulz seine aufgebrachten Kollegen. „Die Firmen und Aktionäre wollen immer mehr Kohle haben“, sagt Schulz. „Und wat wir kleinen Krauter rum krauchen, dat interessiert die doch nich’.“

Auch Paul Aschenbrenner denkt schon an die Zukunft. Wenn man den Wirtschaftsförderungsdezernenten der Stadt nach „Bochum 2015“ fragt, spricht er vom „hochinnovativen Maschinenbau“ und der „Gesundheitswirtschaft“. „Damit werden wir neue Produkte entwickeln und produzieren, die dann auch dauerhaft zum Segen der Menschheit beitragen“, meint Aschenbrenner.

Gültekin Esentürk weiß noch nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Der Leiharbeiter wurde schon am Dienstag nicht mehr ins Werk gelassen. Trotzdem steht er vor dem Tor. Auf dem Display seines Nokia-Handys flimmert eine SMS: „Von Montag bis Mittwoch können Sie bei Nokia Ihren Spind leeren. Beste Grüße, Ihr Randstad-Team.“

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