Nokia : Der Concierge für die Hosentasche

Wer wissen will, was vor Ort wichtig ist, fragt künftig sein Handy. Nokia Gate 5 arbeitet an den Antworten. In zwei Jahren soll in jedem Handy ein GPS-Chip sitzen.

Corinna Visser
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Teamwork. Erol Kutay (l.) und Marcel Duee (m.) entwickeln neue Softwareprodukte. Den Takt dafür gibt der Zeitplan an der orangen...

Berlin - Erol Kutay kippt sein Handy von links nach rechts, von vorn nach hinten. Auf dem Bildschirm bewegt sich der Stadtplan mit, er wechselt von zwei auf drei Dimensionen. Jetzt kann Kutay die Berliner Nikolaikirche auf dem Bildschirm virtuell umrunden. „Da bin ich schon stolz drauf“, sagt der schlaksige blonde Mann. Diese Funktionalität hat er in Nokia Maps, die Navigationssoftware von Nokia, eingebaut. „Dabei stand das gar nicht auf der Liste“, sagt er. Der 39-Jährige ist Entwicklungsleiter für diese virtuellen Karten bei Nokia Gate 5.

Die Liste ist eigentlich eher eine Matrix aus Zetteln. Sie hängt an der orange gestrichenen Wand im Großraumbüro. Links sind die Namen der Teams aufgeführt. In der nächsten Spalte kleben die Aufgaben, die erledigt werden sollen – Storys heißen sie. Daneben steht, in welchem Stadium sich die Storys befinden. Die meisten sind „in progress“. Ganz rechts kann man überprüfen, welche erledigt sind.

In drei Wochen müssen die Storys von links nach rechts gewandert sein. Sprint nennen die Leute von Nokia Gate 5 so eine dreiwöchige Arbeitsphase. „Nach drei Sprints ist ein Produkt fertig“, sagt Marcel Duee. Der 29-Jährige ist Produktmanager für die Multimediaplattform des Handyherstellers. Jeden Morgen um neun Uhr treffen sich die Teams. Jeder sagt, was er am Tag zuvor erreicht hat, was er plant und wo es Probleme gibt. „So kann man schnell sehen, was schiefläuft, und die Hindernisse aus dem Weg räumen“, sagt Duee. Die Meetings sind auf zehn Minuten angesetzt.

Das Tempo, das die Entwickler und Produktmanager in dem Backsteingebäude in der Invalidenstraße in Mitte vorlegen, ist deutlich höher als die Innovationszyklen beim Hardwarehersteller Nokia. Allerdings ist auch der Zeitdruck hoch. Denn Nokia muss den Vorsprung aufholen, den der Computerkonzern Apple mit dem Designhandy iPhone gewonnen hat. Technisch ist das iPhone kein Alleskönner, aber es sieht gut aus, lässt sich intuitiv bedienen und bietet mehr als 65 000 Zusatzprogramme.

Die Sprints entsprechen eher dem Tempo von Gate 5, dem Berliner Startup, das Nokia vor drei Jahren übernommen hat. Gate 5 entwickelte Navigationslösungen. 2006 hatte die Softwarefirma rund 65 Mitarbeiter. Damals beschloss der weltgrößte Handyhersteller Nokia einen Strategiewechsel und begann, in Inhalte und Dienste für das Handy zu investieren. Heute arbeiten 400 Leute für Nokia Gate 5 in Berlin. „Gate 5 ist Nokias Entwicklungszentrum für ortsbezogene Services“, sagt Michael Halbherr. Er war fünf Jahre lang Vorstandschef von Gate 5 und führt die Einheit noch heute. „Wir liefern das Koordinatensystem, auf dem unsere Internetstrategie basiert“, erklärt Halbherr. Die Ergebnisse einer Suchanfrage im Netz würden künftig bestimmt vom Ort, der Zeit und den persönlichen Interessen des Nutzers. Das Handy erfülle dann in etwa die Funktion eines Concierge im Hotel: Es schlägt mittags ein Restaurant in der Nähe vor und abends erklärt es den Weg ins Kino. „Das Handy habe ich immer dabei, den PC nicht.“ Und da künftig immer mehr Mobiltelefone mit dem satellitengestützten Ortungssystem GPS ausgestattet sind, weiß das Handy dann auch immer, wo man gerade ist – und offeriert zum Beispiel die passende Musik für einen Spaziergang im Central Park.

Entwicklungsleiter Kutay zeigt, wie man mit dem Handy den Weg nach Hause findet. „Jetzt mit nur noch einem Klick.“ Der Chef führt vor, wie schnell das System auf dem Bildschirm aktiviert ist. „Wir sind viel schneller als Google Maps“, sagt Halbherr. Anders als beim Konkurrenten müsse man nur einmal die gewünschten Karten auf das Handy laden. Die Animation werde dann auf dem Gerät berechnet. Nur für Aktualisierungen muss man dann noch ins Netz. „Wir haben die ganze Welt in 4,4 Gigabyte“, sagt Halbherr. Kurz nach dem Erwerb von Gate 5 hatte Nokia den amerikanischen Geodaten- und Navigationsspezialisten Navteq übernommen – mit 5,7 Milliarden Euro Nokias bisher teuerster Zukauf. Nun kann Gate 5 für seine Dienste auf Karten aus 190 Ländern zugreifen.

„In zwei Jahren wird in Europa jedes Handy mit GPS ausgestattet sein“, sagt Halbherr. Noch vor Kurzem hat er eine so schnelle Verbreitung nicht erwartet. Doch inzwischen kostet ein GPS-Empfänger im Handy nur noch ein paar Euro. Doch das Telefon wird nicht nur zum Navigator. Die ortsbezogenen Daten werden verknüpft, zum Beispiel mit Informationen aus Reiseführern und persönlichen Vorlieben. „Das System lernt seinen Nutzer kennen und wird immer intelligenter“, erklärt Halbherr die Zukunft. „Wenn Sie morgens aus dem Hotel kommen, weiß es, was Sie als nächstes tun wollen. Wenn Sie amerikanischer Tourist sind, wird es Ihnen wahrscheinlich den Weg zum nächsten Starbucks weisen.“ Die Frage, ob die enorme Datenflut keine Probleme mit dem Datenschutz verursacht, hält Halbherr für typisch deutsch. „Die Daten werden anonymisiert. Nur die statistischen Auswertungen sind interessant.“

Nokias Ziel ist es, die Handys mit zusätzlichen Diensten aufzuwerten, um dem Preisverfall am Markt etwas entgegenhalten zu können. Und natürlich auch, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, die heute eher von Google und Apple kommt als von anderen Handyherstellern. Schon viele Vorstände aus Finnland hätten an dem sieben Meter langen Eichentisch im Zentrum des Backsteingebäudes gesessen, um mit ihm und seinen Leuten über die mobile Zukunft zu diskutieren, berichtet Halbherr. In der Stadt finde er genug kreative junge Leute für sein Unternehmen. Sie kommen aus 24 Nationen, daher findet selten ein Meeting auf deutsch statt. Bald will Nokia Gate 5 in Berlin 500 bis 600 Leute beschäftigen.

Die Mitarbeiter arbeiten in „extrem eigenverantwortlichen Teams“, erläutert Halbherr. Wenn jedoch „das Ambitionslevel nicht stimmt“, mahnt der Chef schon mal „schnellere Ergebnisse“ an. Als Elektroingenieur kann er auch bei technischen Details mitreden. Produktmanager Duee schätzt die Diskussionskultur und die flachen Hierarchien im Unternehmen. Er hat schon während seines Studiums für Gate 5 gearbeitet. Jetzt findet er es reizvoll, dass das, was seine Kollegen und er in Berlin entwickeln, von Millionen Handybesitzern in der ganzen Welt genutzt wird. Eines aber müsse Nokia von Apple und dem iPhone noch lernen: „Unsere Services müssen emotionaler werden. Wir arbeiten daran.“

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