Wirtschaft : Nokia steht zu seinem UMTS-Zeitplan

Deutschlandchef Novák weist Kritik der Mobilfunkunternehmen an den Handy-Herstellern zurück

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Berlin. Der Handyhersteller Nokia sieht in den neuen Anwendungen und in den Farbdisplays für Mobiltelefone neue Impulse für die Handy-Nachfrage. Die neuen Anwendungen hätten aber einen weiteren Effekt: Sie bereiten die Kunden auf die neue Multimedia-Mobilfunktechnik UMTS vor, sagte Bosco Novák, Geschäftsführer von Nokia in Deutschland dem Tagesspiegel: „Jetzt wird über Bilder kommuniziert und nicht nur über die Sprache.“

Bisher ist das Jahr 2002 für den weltgrößten Handyhersteller allerdings enttäuschend verlaufen. Am heutigen Dienstag wird Nokia einen ersten Ausblick auf den Geschäftsverlauf im dritten Quartal geben. Probleme gibt es auf zwei Seiten: Der Umsatz mit Mobiltelefonen war im zweiten Quartal nur noch um ein Prozent gestiegen. Der Erlös aus dem Geschäft mit der Mobilfunknetztechnik ist im Vergleich zum zweiten Quartal 2001 sogar um 22 Prozent eingebrochen. Der Grund: In Europa haben die meisten Menschen bereits ein Handy. Und: Die anderen bedeutenden Nokia-Kunden, die Telekomkonzerne, sind hoch verschuldet und kürzen ihre Investitionen in die Netze.

Nokia erwartet, dass in diesem Jahr weltweit etwa 400 Millionen Handys verkauft werden. Im Jahr 2001 waren es 385 Millionen und damit erstmals weniger als im Vorjahr. Das Problem: „In Europa ist es tatsächlich so, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung schon ein Mobiltelefon besitzen“, sagt Novák. In Asien und Nordamerika steige der Absatz an Erstgeräten jedoch. In Europa sollen neue Anwendungen den Absatz ankurbeln: Handys, mit denen man fotografieren, spielen und ab 2003 Videos filmen kann.

Seit Mitte Juli hat Nokia das erste Modell mit Farbdisplay und eingebauter Kamera auf dem Markt. Weitere Modelle sind angekündigt. „Meine persönlichen Marktstudien betreibe ich immer in der Fußgänger-Zone in Neuss bei Düsseldorf. Anfang des Jahres waren die Handy-Geschäfte relativ leer. Jetzt sind wieder Käufer da“, sagt Novák. Wie viele Kamera-Handys bereits verkauft wurden, kann Novák noch nicht sagen.

Bunte Bilder machen den Anfang

Ein neuer Dienst, auf den die Handyhersteller nun setzen, ist der Multimedia Messaging Service, kurz MMS. Mit der um Bilder und Töne erweiterten Form der bisherigen SMS wollen die Netzbetreiber an den Erfolg der elektronischen Textbotschaften anknüpfen, die täglich millionenfach versandt werden. Und MMS soll erst der Anfang sein.

Die Hoffnung, dass immer anspruchsvollere Kundenwünsche die Nachfrage nach dem neuen Mobilfunkstandard UMTS begründen werden, teilt Nokia mit seinen Kunden, den Mobilfunkbetreibern. Die ganze Branche kämpft zurzeit gegen die weit verbreitete UMTS-Skepsis an. In Japan läuft UMTS bereits – mit Schwierigkeiten. Immer wieder brechen die Verbindungen ab. Die Übergabe der Gespräche vom bestehenden Netz in das neue UMTS-Netz funktioniert noch nicht reibungslos. Daran wird auch in Deutschland noch gearbeitet. „Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Der Kunde probiert etwas Neues aus und er bekommt noch nicht einmal den Service, den er gewohnt ist“, sagt Novák. Mit dem Test-Betrieb werden die ersten UMTS-Netze auch in Deutschland noch im vierten Quartal starten.

Den kommerziellen Netzstart dagegen haben Europas Netzbetreiber immer wieder nach hinten verschoben – in Deutschland zuletzt Vodafone auf das Frühjahr 2003. Dabei schieben die Netzbetreiber die Schuld immer wieder auf die Techniklieferanten. Es gebe technische Schwierigkeiten und auch mit den Handys sei man noch nicht zufrieden, hieß es von Vodafone. Nokia reagiert: „An unseren Plänen in der Produktion der Handys und auch im Zeitplan des Netzaufbaus hat sich nichts verändert. Die Aussage ist nicht getroffen worden, weil wir plötzlich unsere Termine verschoben haben“, sagt Novák.

Die ersten UMTS-Netze in Europa – zum Beispiel in Italien – werden zum Jahresende den kommerziellen Betrieb aufnehmen. „Mitte 2003 sind sicherlich die meisten Netze in Betrieb. Und ob das in Italien zwei Monate früher und bei uns ein bisschen später passiert, ist nicht so relevant“, sagt Novák. Die Börsen sehen das anders: Je später der Start, desto später fließen erste Umsätze aus dem UMTS-Geschäft, für das sich die Telekomkonzerne hoch verschuldet haben.

Am 26. September stellt Nokia sein erstes UMTS-Handy vor. Wann es das Gerät im Laden geben wird, kann Novák nicht sagen. „Wir werden die Geräte vor dem 31. Dezember liefern. Wann die Handys dann in Deutschland gekauft werden können, ist eine Entscheidung der Netzbetreiber.“ Auch den Preis will er nicht nennen. „Der Käufer eines Mobiltelefons wird es nicht akzeptieren, dass das neue Gerät sehr viel größer, vom Design her sehr viel schlechter und sehr viel teurer ist, als das was er kennt. Das heißt, wir werden beim Preis keine großen Sprünge sehen.“ Die Spitzengeräte kosten heute um die 700 Euro – ohne die von den Netzbetreibern gewährten Subventionen.

2003, so erwartet Nokia, werden fast alle in Deutschland verkauften Geräte MMS-fähig sein. „MMS kommt und fordert, dass wir eine andere Qualität und Bandbreite in den Netzen haben. Diese Anwendungen sind der Treiber für UMTS“, sagt Novák. Ab 2004 werde UMTS zum Massengeschäft. Ohne neue Anwendungen, da sind sind sich alle Experten einig, wird UMTS jedoch kein Erfolg. In die Entwicklung von mobilen Datendiensten und Inhalten will Nokia jedoch nicht einsteigen. Corinna Visser

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