Wirtschaft : Norwin Pasewald

Geb. 1948

Tatjana Wulfert

Freund, Lehrer, Zweifler, In-Frage-Steller, Bedenkenträger. Ein Mensch bewegt sich in der Menge, aufrecht, wohlgelaunt plaudernd, sich diesem und jenem aufmerksam zuwendend. Dann löst der Mensch sich aus der Menge, zieht sich zurück.

Die Einsamkeit. Stumm blickt man dem Abend, der Nacht entgegen, Unruhe in den Gliedern, in den Gedanken.

Doch macht auch mancher aus der Abgeschiedenheit einen Zufluchtsort. Man ist ganz ungestört, muss nur sich selbst Gesellschaft leisten, angreifen und verteidigen bestenfalls sich selbst. Ein Winkel, ruhig, friedvoll, ungestört.

Norwin Pasewald lebte allein, sieben lange Jahre in einer kleinen Zweizimmerwohnung am Prager Platz. Seine Liebste war nicht mehr bei ihm. Verschwunden. Gestorben. Die Blumenkästen auf dem Balkon ohne Blumen, nur pulvriger Ersatz statt echten Kaffees, ein schneller Imbiss in der Bude an der Ecke.

Krank ist er geworden, zähe, wenig ergiebige Wege von Arzt zu Arzt, keine Klarheit. Doch kurz vor dem Ende gab es Zeichen: Blumen blühten auf dem Balkon, der Duft frisch gebrühten Kaffees, der Kühlschrank voller Dinge.

Die Nikolaus-August-Otto-Oberschu- le, eine Hauptschule in Lichterfelde. Im Foyer steht eine Tafel. Daran kleben unzählige gelbe Zettel, ein Satz, zwei Sätze darauf: Anekdoten, Charakterzüge, Eigenarten. Kollegen und Schüler haben aufgeschrieben, woran sie denken, wenn sie an Norwin Pasewald denken. „Väterlicher Freund für seine Schüler, ein kritischer und guter Beobachter.“ „Ein zuverlässiger Freund, tapfer, humorvoll. Hatte viel Blödsinn im Kopf.“ „Norwin, du warst ein liebenswürdiger Zweifler oder In-Frage-Steller oder Bedenkenträger oder einfach: ängstlich.“ „Seine Traurigkeit hinter seiner Lustigkeit hat mich immer mehr berührt.“

Ein Mensch, ein Lehrer, der tagein, tagaus in einer Menge sich bewegt. Viele Gesichter, Erwartungen, Aufgaben. Hauptschüler, sagt man, seien schwierig. Infolge der so genannten schwierigen Verhältnisse. Norwin Pasewald kannte die traurigen und schmerzhaften Geschichten seiner Schüler. Also begegnete er ihnen heiter, scherzend und hoffnungsfroh. Seine Schüler spürten die Zuwendung, spürten das Vertrauen, das er in sie setzte und antworteten ihrerseits vertraut und offen. Norwin Pasewald wusste, dass die Geschichte der Kinder immer auch die Geschichte der Eltern ist. Gemeinsam sollte etwas erreicht werden. Vorsichtiges Vortasten in familiäre Gefüge, Gespräche, mühsame und tröstliche, Mut zusprechen, Zukunft entwerfen.

Gewiss lächelte Norwin Pasewald bisweilen über sich selbst: Die Begegnungen mit den Müttern seiner Schüler waren ihm durchaus die angenehmeren, wie im Übrigen die meisten Begegnungen mit Frauen. So kam es vor, dass Kontakte zu einigen Müttern weit über die vorgesehene Schulzeit ihrer Kinder hinaus bestanden. Manchen Morgen betrat er das Lehrerzimmer und stöhnte, vielleicht ein wenig zu künstlich, eine „Ehemalige“ habe ihn wieder mal zwei Stunden in ein Telefongespräch verwickelt.

Glanz und Schalk in den Augen, von der eigenen Erzählung hingerissen, die Zuhörer hinreißend, brillierte er mit geistreichen, häufig erfundenen Geschichten, oft während eines Essens, das am Ende kalt und beinah unberührt noch vor ihm stand, derweil die Gastgeber schweigend, jedoch prächtig unterhalten kauten.

Also wurde er regelmäßig gebeten, den Abschlussabend des alljährlichen Vorlesewettbewerbs zu moderieren. Seiner Kleidung sonst wenig Aufmerksamkeit schenkend, kramte er für diesen Tag seine einzige Krawatte hervor und begeisterte das Aulapublikum.

Ging Norwin Pasewald nach einem solchen Abend erfüllt und beruhigt zurück in seine kleine Wohnung? Oder betrübte ihn die Erwartung der Stille, ängstigte ihn das plötzliche Alleinsein?

Allein ist er gestorben.

Aber zu seiner Beerdigung sind alle gekommen, ausnahmslos alle.

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