Wirtschaft : Nostalgische Väter als Zielgruppe

THOMAS MAGENHEIM

Senioren immer wichtiger für Spielwarenbranche VON THOMAS MAGENHEIM

München.Nicht nur Kinderherzen schlagen unter dem Weihnachtsbaum höher.Zum Fest wirbt die Spielwarenbranche neben Computerkids verstärkt auch um Senioren.Sinkende Geburtenraten und immer kürzer werdendes Spielalter zwingen Hersteller von Eisenbahnen oder Gesellschaftsspielen, nach neuen Kundengruppen Ausschau zu halten, beschreibt die Geschäftsführerin des Deutschen Verbands der Spielwaren-Industrie, Corinna Printzen, die Lage.Heutzutage würden im Schnitt schon Zwölfjährige dem Spielalter entwachsen.Früher habe dagegen lange Zeit 14 Jahre als Grenze gegolten.Als neue Zielgruppe im Weihnachtsgeschäft habe die Branche deswegen "nostalgische Väter" auserkoren, erklärt Printzen.Das Kind im Manne gehe durch, wenn 50jährige sich Modelleisenbahnen kaufen, die sie sich als Kinder nicht leisten konnten. Was für den einen die Lok ist für den anderen der Teddy.Plüschtier-Produzent Steiff etwa zählt nach eigenen Angaben 25.000 Personen als Mitglieder im 1992 gegründeten Steiff-Club; 98 Prozent davon seien Erwachsene.Auch mit anspruchsvollen Brettspielen, "die geistig fit halten", versuche man die Kundschaft über 50 zu gewinnen, ergänzt Printzen.Neue Marketingideen gibt es zudem am anderen Ende der Skala für die jüngsten Kundengruppen.So seien Computerspiele zwar allgemein auf dem Rückzug.Speziell Lerncomputer seien jedoch stark gefragt.Die neueste Generation von Kinderzimmer-Computern wende sich an Dreijährige, sagt Printzen.Sie weiß auch von Computerkursen für Vierjährige, die ergänzend angeboten werden.Der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels (BVS) sieht die Branche gar auf dem Weg zum Datenhighway.Noch stecke das Spiel per Datenleitung in den Kinderschuhen, räumt der BVS ein. Gegewärtig leben Produzenten und Handel von der Tradition.Eisenbahn, Holzspielzeug, Brettspiel und Puzzle seien die bestimmenden Warengruppen im Weihnachtsgeschäft, sagt Printzen.Die Hersteller rechnen für 1996 mit einem etwa zweiprozentigen Minus des Produktionswerts von zuletzt 2,26 Mrd.DM.Im Handel ist analog von einem etwa dreiprozentigen Minus auf knapp unter sechs Mrd.DM Handelsvolumen die Rede.Entscheidend ist allerdings das Weihnachtsgeschäft, da in den drei Monaten vor dem Fest rund 50 Prozent des Branchenumsatzes getätigt werden.600 Firmen mit etwa 17.000 Beschäftigten hat die Spielwarenindustrie hierzulande.Aufwärts geht es für sie nur noch im Export, der 1996 um fünf Prozent auf etwa 1,6 Mrd.DM anziehen dürfte.Der Import liegt laut Industrieverband mit drei Mrd.DM fast doppelt so hoch.Ein Drittel davon entfällt auf China.Der Umstand, daß viele Spielwaren "made in China" aus den Händen von Zwangsarbeitern stammen sollen, sei durchaus für die Branche ein Thema, sagt Printzen.90 Prozent der China-Importe kämen aber aus Sonderwirtschaftszonen, wo moderne Produktionsstandards gelten würden. Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher schlage angesichts der Wirtschaftslage auch auf Spielwaren durch, stellt der BVS fest.Erstmals seit Jahren wird "ein wenig am Kind gespart," unterstreicht Printzen.Die im Vergleich zu anderen Wirtschaftsszweigen relative Stabilität der Spielwarenbranche geht laut BVS allerdings zu Lasten der Rendite.Über deren genaue Höhe geben die Hersteller allgemein weit weniger gern Auskünfte als über ihre Produkte.

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